Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 31 (1890)
- Issue
- Heft 17 (27.2.1890)
- Date
- 1890-02-27
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2446951-2448024-2448042--29577-2477316- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
291 scheinlich es Ihnen gegenwärtig auch erscheinen mag, unmöglich ist cs ja doch nicht, daß Sie Ihr Geld noch zurückerhalten. Und wenn nicht — Sie sind ein Jude — soweit ich Sie kennen gelernt habe, ein braver, frommer Jude — als solcher dürfen Sie den Muth nicht verlieren, wenn auch Ihr Verlust, wie ich höre, ein sehr bedeutender ist. — Sie müssen es eben als Prüfung betrachten und sich bestreben, dieselbe so zu bestehen, das; Sie mit Zuversicht auf Gottes Hilfe rechnen können." Aechzend murmelte Adolf einige unverständliche Worte. „Was sagen Sie?" fragte der Alte, indem er seine Hand auf des Andern Schulter legte, „Sie wären ein Bettlers — Ich hoffe, Sie sehen zu schwarz. Sollten Sie sich übrigens bei unserer Landung in New-Aork momentan in Verlegenheit befinden, so wäre ich gern bereit, Ihnen eine Kleinigkeit vorznschiesien; ich bin zwar nicht reich, aber eine kleine Summe könnte ich wohl auf einige Zeit entbehren. — Sie geben sic mir zurück, wann cs Ihnen bequem ist." Adolf ergriff die Hand des freundlichen Mannes und drückte sie heftig, zu reden war er nicht im Stande. Der Alte fuhr fort: „Ich kann mir übrigens sehr wohl denken, das; Sie unter so plötzlich veränderten Umständen im Augenblick Nichtwissen, was Sie anfangen könnten, aber — wenn es Ihnen nämlich recht ist — werde ich Sie meinem Schwiegersohn empfehlen, derselbe hat ein sehr bedeutendes Etablissement, ich weiß nicht wieviele Leute in seinem Conrptoir arbeiten, das am Samstag und an Feiertagen streng geschloffen ist. — Vielleicht könnte er auch Sie irr seinen! Comptoir beschäftigen, wenigstens vorläufig." Adolf drückte aberrnals seine Hand mit ungestümer Heftigkeit. „Mein Schwiegersohn ist ein äußerst braver, menschenfreundlicher Mann. Ich habe ihn zwar seit zehn Jahren, seit dem Hintritr meiner armen Toch- Icl* nicht mehr gesehen, aber ich war wiederholt ln der Lage, junge Leute, die hinüber nach Amerika wollten, an ihn zu empfehlen und allen hat er sich eifrig angenommen, so daß, wie ich glaube, alle es | zu etwas Tüchtigem gebracht haben. Mein Schwie- : gersohn hat nämlich einen sehr geachteten Namen j in der Geschäftswelt, vielleicht haben Sic auch schon j seine Firma nennen hören, Salomon Steinheim in H New-Dork." Adolf fuhr zusammen. „Steinheirn", flüsterte er mit Anstrengung, „Salomon Steinheirn — bis vor zehn Jahren lebte er in P...?" „Ganz richtig, irr P..., woher lvissen Sie's? kennen Sie ihn vielleicht?" Wie ein Schauder übersiel es den jungen Manu und daun lachte er plötzlich grell auf. „Ob ich ihn kenne? —" Plötzlich sprang er auf, ergriff beide Hände des ängstlich zu ihm hiuüberblickenden Mädchens und starrte wie sinnlos in ihr erbleichendes Gesicht. — Und da, mit einem Mal ward es ihm klar, wo er diese wunderbar schöner: Haare, diese feinen, liebreizenden Züge schon einmal gesehen hatte. — Bei der Frau des vor zehn Jahren verschwundenen Kassiere seines Vaters, bei jener jungen, unglücklichen Frau, die in sinnloser Verzweiflung ihr junges Leben durch einen Sprung in den Weiher geendet hatte. — Mit grauenhafter Klarheit traten alle diese unglückseligen Uirrstände vor sein inneres Auge, während er die Hände des zitternden Mädchens noch immer wie in eisernen .Klammern hält — ihm war als vernähme er jetzt die flehende Stimme jener Unglücklichcrr — als dringe ihr verzweifelndes Schluchzen wie damals an fein Ohr. — Und das liebreizende Mädchen da vor ihm, das er liebte mit aller Gluth seines hcißbegehrenden Herzens — sie glich jener Unglücklichen zum Verwechseln — sie war ihre Nichte. Ihm war als richte sich jedes Haar auf feinem Hanpre strairirn empor. — „strafe Gottes!" murmelte er irr sich erschauernd und fiel in Zuckungen bewußtlos zu Boden. Wiederum waren mehrere Jahre verstrichen Ans dem zarten, hilflosen Säugling, den Wildau einst bei jenem Hochwasser ans den Fluthen gerettet hatte, war ein frischer, feuriger, hochgewachsener Knabe geworden, die Freude, der Stolz seiner Adoptiveltern, die er, wie von jeher, noch immer für seine leiblichen Eltern hielt, und deren innige Liebe er mit gleicher Innigkeit erwiderte. In seinem ganzen lebhaften Wesen glich er seinem Adoptivvater, an dem er mit beinahe schwärmerischer Verehrung hing. Doch war er auch stets ängstlich besorgt, die ihm bisweilen recht unbequemen Wünsche der Mutter zu berücksichtigen. Frau Wildau, die seit einiger Zeit kränkelte, war oft von trüben Ahnungen beängstigt, weßhalb ihr Gatte ihren Gewissensrath, den auch von ihm hochgeschätzten Pater Antonio öfters ersuchte, seine Frau durch seinen geistlichen Zuspruch möglichst zu beruhigen.