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Der Israelit · 1890-02-24 · Heft 16 (24.2.1890) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
31 (1890)
Issue
Heft 16 (24.2.1890)
Date
1890-02-24
Page
– (sequence 9)
Language
German
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XXXI. Jahrgang. Beilage -es „IsraM"L„Ieschurun Leitender Artikel. Das Gesetz üöer die jüd. Gemeinden in Hesterreich. (Fortsetzung.) Dr. Lueger setzte uns weiter auseinander, daß in der Bukowina der gesummte Handel in den Händen der Inden ist, und nachher kommt er mit der Bukowinaer Concurs-Statistik und sagt, daß 92 bis 100 Procent der sämmtlichen Eoncurse Juden betreffen. Ja, wenn der ganze Handel in den Händen der Juden ist, wer anders kann denn da in den Concurs kommen, als Juden? (Sehr richtig! links.) Er empfiehlt in den Schulen die Trennung der jüdischen und christlichen Kinder, und das Resultat dieser Reform soll sein, daß ans der Gasse zwischen den jüdischen und christlichen Kindern Gefechte entstehen, das ist seine Tendenz: die christlichen Kinder sollen schon in den Volksschulen die jüdisöben Kinder möglichst viel hauen, das soll sich dann im Gymnasium und auf den Hochschulen fortsetzen und so die schöne Situation des Racenkampfes auch auf das praktische Leben, wie dies ja unter Führung dieser Partei thatsächlich geschieht, übertragen werden. Denken Sie sich das Bild der Versöhnung, des Völkerfriedens, welches auf solchem Wege in Oesterreich herbeigeführt wird. Er fordert uns in der gemüthlichsten Weise auf, die Versammlungen seiner Partei zu besuchen, man werde dort sehen, daß kein Hepp! Hepp! geschrien werde, Aber nach den Erfahrungen, die wir gemacht haben, verlangen wir nicht nach solchen E i n l a d n n g e n zu schweren körperlichenBeschädignngen.(Heiterkeit.) Außer diesen huinoristischen Stellen hat die Rede aber auch eine ernste Seite, und cs ist die einzig richtige Stelle in seiner Rede, daß das Judentlmm durch zwei Momente Anlaß, aber nicht Rechtfertigung zur Entstehung des Antisemitismus gegeben hat; diese Atomente bestehen darin, daß der Trieb für Geldgewinn und Gelderwerb bis heute noch in einem stärkeren Maße vorhanden ist, als es nach ihrer Zahl im Verhältnis zur ganzen Bevölkerung bei ihnen der Fall sein sollte, daß insbesondere ihre finanzielle Bedeutung in diesem Sinne eine größere ist, als cs bei richtiger Vertheilnng der wirthschaftlichen Güter sein sollte. Ich halte es weiter für richtig, daß die Bethciligung des Iudenthums an der Journalistik, sowohl an der tüchtigen, wie an der schlechten, größer ist, als es wünschenswerth wäre; aber man muß sehr wenig von diesen Dingen wissen, oder man muß ein ganz besonderes Maß von Ungerechtigkeit in sich haben, wenn man verkennt, daß diese beiden Züge des Judenthums in der ganzen Geschichte, die das Judenthum durchgemacht hat, tief wurzeln, und daß allerdings nicht, wie er in seiner Rede wiederholt gesagt hat, der heutige Christ, wohl aber der christliche Staat des Mittelalters daran schuld ist, soweit es den Gelderwerb betrifft, und der moderne Staat daran schuld ist, soweit es die Journalistik betrifft. Redner citirt eine Urkunde aus dem Jahre 1462, worin es heißt: „So ein Römischer Kaiser und König gekrönt wird, niag er den Juden allenthalben im Reiche all ihr Gut nehmen, dazu ihr Leben und sie tödten, bis auf eine Anzahl, die lützel sein soll, zn einem Gedächtniß." Dieses Recht ist oft wenigstens insofern ausgeübt worden, als die Juden mit ihrem Vermögen verkauft, verpfändet und ihre Forderungen cassirt wurden. Sie waren ein reines Finanzmittel und die letzte Zuflucht in Geldnoth, weßhalb man ihnen ausnahmsweise den Wucher freigab. Man hat den Juden, die man als kaiserliche Kammerknechte erklärt hat, den Schutz zu dem Behufe angedeihen lassen, damit sie das Geschäft des Darleihens auf Zinsen, das der christlichen Bevölkerung nach den Grundsätzen des EvangelismuS und nach den Normen der Päpste verboten war, vollziehen. Nachdem man eine Zeit lang gewartet hatte, hat nian die Darlehensgeschäfte für nngiltig erklärt, den Juden das Geld, das sie hatten, weggenommen, und so ist das Jubenthum durch die Gesetzgebung des Mittelalters geradezu zum Geldhandel und zum Betriebe der Geldgeschäfte gezwungen worden. Sie sehen also, die staatliche Gesetzgebung des Mittelalters ist schuld daran, daß die Juden auf diese Lebensrichlung geführt worden sind. Gehen wir zur staatlichen Gesetzgebung der modernen Zeit. Daß die Juden überwiegend sich dem Journalismus zugewendet haben, dem guten respectablen Journalismus sowohl wie seinen traurigen Abarten,*) ist auch die Schuld der Gesetzgebung. Begabtere Menschen — und daß es solche unter den Juden gibt, wird Niemand leugnen — haben denn doch wahrhaftig den Wunsch und den Trieb, sich um die Angelegenheiten ihres Vaterlandes zu bekümmern. Wie war nun in Oesterreich die Situation bis zum Jahre 1848? Die Juden waren ausgeschlossen von allen administrativen nud politischen Aemtern, sie waren ausgeschlossen vom Richteramte, von der Advocatur, vom Notariat, von der Professur an den Universitäten. Welchen Weg hatten die Juden, wenn sie das Bedürfniß in ihrem Herzen trugen, an dem Leben des Staates theilzunehmen, als sich der Journalistik zuzuwenden? Haben unter dem Drucke solcher Zustände nicht diese geschmähten und geschändeten Juden Vieles geleistet, was man in der Eultnrgesclnchte der Menschheit nicht vermissen möchte? Denken Sie in der Philosophie an Moses Men d els so hn und Spinoza, in der Musik an Felix Mendel soh n und Me her beer, in der Publicistik an Heine und Börne, in der Naturwissenschaft an Ballen tin und Traube, in der Geschichte an Jaffö; das sind Leistungen von Inden in dieser für sie so traurigen Zeit auf den verschiedensten Gebieten der Wissenschaft. Meine Meinung ist, die Fehler des Iudenthums werden in dein Maße schwinden, als die Stellung der Juden im Staate diejenige ist oder wird, die der Menschenwürde entspricht, und das hat sich bei uns schon gezeigt. Wie hat sich das anders gestaltet bei den Juden, seil die Emancipation wenigstens principiell ausgesprochen worden ist, denn durchgeführt ist sie nicht! War nicht Kur an da ein höchst respectabler, politisch reiner Charakter, der sein Vebenlang dem Fortschritt in Oesterreich gehuldigt hat? (Lebhafter Beifall links,» Ist Adolph Fischhof nicht einer der edelsten österreichischen Patrioten? Und ist Laster nicht ein Mann, der die Ächtung aller Menschen verdient, und ist er nicht derjenige — abgesehen davon, daß der Fortschritt der Justizgesetzgebung in Deutschland unzertrennbar mit seinem Namen verknüpft ist — von dem der Kampf gegen die Corruption in wirtschaftlicher Beziehung ausgegangen ist? Und *) Das Letztere ausschließlich in einigen großen Städten Oesterreichs und auch da nur in verschwindendem Maaße, in anderen Ländern Europas weiß man von „traurigen Abarten des Journalismus" G. s. D. überhaupt nichts. Red. des I. u. I.

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