Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 31 (1890)
- Issue
- Heft 15 (20.2.1890)
- Date
- 1890-02-20
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
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266 Massenpetitionen um ein Gesetz gegen Einwanderung , und Niederlassung ausländischer Juden zur Tagesordnung über. Wien. Professor Kahler, der Vorstand der zweiten medizinischen Klinik im Allgemeinen Krankenhause in Wien, hat in einer klinischen Vorlesung anläßlich der Vorführung eines an Zuckerruhr (Diabetes mellitus) leidenden Israeliten sich ausführlich über die nervöse Disposition der Inden ausgesprochen. Nach der übereinstimmenden Erfahrung aller Kliniker, sowohl aus ihrer Privatpraxis, als aus ihrem klinischen Erfahrungskreise, entsteht die Zuckerruhr in einem auffallend großen Prozentsätze unter den Israeliten. Selbst in Frankreich, wo es doch bedeutend weniger Israeliten gibt als bei uns, hat man Gelegenheit gehabt, diese Erfahrung auf das Prägnanteste bestätigt zu finden. ' Man kann sich, wie Professor Kahler ausführte, diese sonderbare Erscheinung daraus erklären, daß nervöse Belastung eine sehr gute Disposition für die Entstehung der Zuckerruhr abgibt und eine solche bei keiner der in Europa lebenden Rassen in solchem Maße vorhanden ist und sich mit solcher Leichtigkeit entwickelt als gerade bei den Juden. Warum gerade diese, die jüdische Rasse, so leicht zu nervösen Erkrankungen hinneigt, dafür liegt der Grund in der so bedeutsamen geschichtlichen Entwicklung dieses Volkes. Der tausendjährige schwere Druck, unter dem dieses Volk von Ar-weginn gestanden, der Umstand, daß es, von allen bürgerlichen und gesellschaftlichen Rechten ausgeschlossen, sich in sich selbst zurückzuziehen gezwungen und einer aufreibenden Thätigkeit zur Erhaltung seines Lebens ausgesetzt war, wozu noch die unaufhörlichen Verfolgungen und der Aufenthalt in den hygienischen Anforderungen keineswegs entsprechenden Ghettos hinzuzurechnen sind, ferner der Umstand, daß dieses Volk erst seit wenigen Dezennien der ihm gebührenden bürgerlichen Freiheit theilhaftig ist, all' dies macht es begreiflich, daß die Angehörigen dieses Stammes, die von vornherein ein geschwächtes Nervensystem mit zur Welt bringen, allgemeine Disposition zu nervösen Erkrankungen besitzen. Auf Grund dieser Disposition treten nun sehr leicht die Folgezustände einer nervösen Belastung, im vorliegenden Falle also die allgemein gefürchtete Zuckerruhr, auf. Man sieht diese Erscheinung ganz eklatant in Fällen, wo ohne nachweisliche Neurose oder anderweitige nervöse Erkrankung in der Familie sämmtliche oder mehrere Geschwister plötzlich, nachdem sie ein gewisses Alter erreicht haben, von der Zuckerruhr befallen werden. So erwähnte Professor Kahler einen Fall aus seiner Praxis, wo alle vier Kinder eines polnischen Juden in dem gleichen Alter von Diabetes mellitus ergriffen wurden. Auch der Patient, der Professor Kahler Anlaß zu diesem Vortrage bot, ist Israelit, aus Galizien stammend, 24 Jahre alt, und hat dieses Leiden vor vier Jahren acquirirt; seine Schwester, die das 20. Jahr überschritten, leidet ebenfalls schon an derselben Krankheit, und voraussichtlich wird, wie Professor Kahler annehmen zu können glaubt, anch der jüngste Bruder des Patienten, der gegenwärtig 17 Jahre zählt, ungefähr in seinem 20. Lebensjahre diesem Familienschicksale anheimfallen. Wien, 15. Februar. Der Redacteur des antisemitischen „Deutschen Volksblatt" wurde von den Geschworenen wegen Ehrenbeleidigung der jüdischen Uniformiruntzsfirma Moritz Tiller u. Comp., welcher er Geschäftskniffe vorwarf, zu 6 Wochen Arrest verurtheilt. In Majos-Ujvnr starb Herr Sigmund Hirsch im Alter von 108 Jahren. Italien. Turin. Im hiesigen Tempel wurde zum Andenken an den dahingeschiedenen Herzog von A o st a ein feierlicher Trauergottesdienst abgehalten, bei dem der Oberrabbiner, Professor S. Ghiron, die Trauerrede hielt, die uns im Wortlaute vorliegt. Nachdem der Redner den großen Verlust, den das Land durch den Hintritt des Verblichenen erlitten, erwähnt, hebt er insbesondere hervor, daß eine der ersten Handlungen des verstorbenen Herzogs nach seiner Erwählung zum König von Spanien, die Proclamirung der Gewissensfreiheit für die verschiedenen Culte gewesen, und diese liberale Gesinnung habe er auch durch Thaten bewiesen. Der große Tempel war voll von einer zahlreichen Zuhörerschaft ans allen Ständen und Confessionen, auf welche die Worte des Oberrabbiners den tiefsten Eindruck hervorriefen. L. M. Persien. Herr Pinchas H a n u k a in Salmas (einer der beiden persischen Juden, welche bei der vorjährigen Reise des Schah von Persien durch Europa in Pesth von demselben in Audienz empfangen worden) berichtet der „Anglo Jew. Affoc." in London, daß in Kermanshah am vergangenen Jom Kippur 200 Juden ermordet wurden, die Mörder aber straflos ausgegangen seien.