Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 31 (1890)
- Issue
- Heft 15 (20.2.1890)
- Date
- 1890-02-20
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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255 er aus dem Schiffe kennen gelernt hatte. Er war der Sohn eines Hamburger Rheders oder gab sich wenigstens als solchen aus. Adolf hegte jedoch allerhand Bedenken an der Wahrheit seiner Angaben, denn wenn man den Worten des jungen Mannes glauben sollte, so hatte er die ganze Welt wiederholt durchreist, hatte mit sämmtlichen Potentaten Bruderschaft getrunken u. s. w., u. s. w. Adolf glaubte nicht den zehnten Theil von allem Interessanten, das der lustige Bruder auszukramen liebte, aber er unterhielt sich gern mit ihm, namentlich zu der Zeit, die er nicht in Gesellschaft der schönen Emmi zubringen konnte. „Guten Abend, Herr Bärwald," sagte der junge Hamburger, indem er sich dem Lager des Kranken näherte, „was machen Sie beim? — geht's Ihnen noch nicht besser?" Der Kranke hob auf einen Moment die Augenlider, sie fielen ihm jedoch sofort wieder zu. „Schlecht geht mir's," flüsterte er mit Anstrengung, „sehr schlecht." Der Andere entgegnete einige theilnehmcnde Phrasen und nahm den Sessel, auf den Adolf seine Kleider gelegt hatte, um sich auf denselben niederznlasscn, hiedurch fiel die bereits erwähnte Weste zu Boden. Unwillkürlich griff der junge Mann danach und hob sie auf; sie fühlte sich eigcnthümlich an, auf den ersten Griff ließ sich erkennen, daß cs eine eigenthümliche Bewandtniß mit dem Kleidungsstück habe. Lauernd blickte der Rhederssohu auf den Kranken, der noch immer mit geschlossenen Augen dalag; er richtete abermals einige Worte an ihn. Adolf war allzusehr erschöpft, er erwiderte nichts und regte sich nicht. Forschend ließ der Hamburger seinen Blick auch über die andern Lagerstätten schweifen. Nirgend regte sich's, sämmtliche Kranke schienen zu schlafen. — Leise erhob er sich nun, schob die Weste, die er noch in seiner Hand hielt, unter seinen Ueberrock und verließ dann lautlosen Schrittes die Cabine. Nach ungefähr zehn Minuten trat er wiederum ein; mit demselben lautlosen Schritt wie vorhin näherte er sich Adolf's Lagerstätte, legte die Weste wieder auf die übrigen Kleider, wohin der Kranke sie geworfen, und entfernte sich dann hastig, doch geräuschlos. Niemand hatte ihn gesehen, weder beim Kommen noch beim Gehen. Der Sturm hatte doch endlich nachgelassen, die See war wieder ruhig geworden. Am andern Morgen war der Himmel wieder hell und klar. Die Sonne sandte im blendenden Glanze ihre Strahlen hernieder. Emmi befand sich mit ihrem i Großvater wieder auf dem Verdeck, sie war überj glücklich, daß der alte Mann sich von seinem gestj rigeu Unwohlsein verhältnißmäßig rasch erholt hatte,! und suchte ihn durch ihr munteres Geplauder zu? unterhalten. „Wie mag es Herrn Bärwald gehen?" unter-! brach sie der Alte, „er hat sich seit vorgestern nicht! blicken lassen, das ist sonst nicht seine Art. > „Er hat die Seekrankheit," versetzte Emmi, > „ich habe mich bereits bei deni Doctor nach ihm! erkundigt, gestern hat er sehr gelitten, doch heute : soll es ihm besser gehen. Aber der Doctor sagt,! er wäre sehr, sehr schwach und werde er heute! schwerlich das Bett verlassen können. Wenn wir; später hiuuntergehen, möchtest Du dann nicht auf : einen Augenblick zu ihm gehen, Großpapa? — er; war doch so sehr aufmerksam gegen uns." i „Gewiß, gewiß," erwiderte der Alte, „ich habe j auch schon daran gedacht; du kannst mich übrigens! erinnern, wenn ich daran vergessen sollte; auf meij nen alten, schlechten Kopf kann ich mich nicht mehr ■ verlassen." i „Immer schilst Du Deinen Kopf," sagte Emmi j vorwurfsvoll, „und ich habe ihn doch so lieb. Dein! Kops ist der beste in der ganzen Welt und Du! nennst ihn schlecht. — Aber was laufen denn da I die Leute zusammen? — sieh' nur, Großpapa, wie! sie sich drängen — da muß etwas geschehen sein.! Wissen Sie nicht, Herr Kapitain," wandte sie sich; au den eben Vorübergehenden, „was es dort unten | gißt?"! „Das ist ein Skandal!" schrie der sonst so j freundliche Mann, „ein gottloser Scandal! hätte ich i nur früher davon erfahren —" I „Aber was ist denn geschehen?" forschte Emmi! neugierig. j „Denken Sie sich," fuhr der Kapitain ärgerlich! fort, „kommt da heute Morgen ein Schooner in : Sicht und da wetten zwei junge Lasten, daß der eine von ihnen in's Meer springen und zu dem ' Schooner hinschwimmen soll. Denken Sie sich den; Frevcl, um einige Dutzend Flaschen Champagner! sein Leben zu wagen." j „Er ist ertrunken?" rief das junge Mädchen! angstvoll. I „O, nicht doch, Unkraut verdirbt nicht. Aber j verdrießlich ist die Geschichte doch. Sobald ich da-! von erfahren, habe ich natürlich ein Boot in die i See gelassen, ein paar tüchtige Leute sind ihm nach-! gerudert. Aber bevor sie ihn erreichen konnten,! hatte er das andere Schiff erreicht und ist dort j ausgenommen worden, und das Schiff fitzt nun mit ' meinem Passagier an Bord seinen Cours anderweits