Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 31 (1890)
- Issue
- Heft 12 (10.2.1890)
- Date
- 1890-02-10
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2446951-2448024-2448037--29477-2477211- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
XXXI. Jahrgang. M 1% Israelit «* Jeschurun. Btitfdirifl jut Mmug D. Gellks M D. Kebeis ill Ws. GrwMk ml Mle. Kenlrat-Hrgan für das orthodoxe Zudenthum. Herausgegeben von Dr. Lehmann in Mainz. Montag, den 1«. Februar 5650 (1890)» ✓ Leitender Artikel. Unsere Krüßtingsöoten. i. Mainz, 6. Februar. -ü. In der Geschichte unserer Befreiung aus Egypten wird wiederholt mit Nachdruck die Thatsache hervorgehoben, daß es Frühling war als dieser Auszug erfolgte. „Heute zieht ihr aus im Frühlingsmonat." (2. V. M., 13, 4.) „Achte auf den Frühlings-Monat und mache Pesach, dem Ewigen, deinem Gotte, denn im Frühlingsmonate hat dich der Ewige, dein Gott, aus Mizrajim geführt, Nachts. (5. B. M., 16, 1.) Diese Mahnung ist von Israel aufgegriffen und beherzigt worden. Wenn auch alle Welt unter dem Drucke rauher Wintertage, dem Frühling sehnsüchtig entgegensieht, so findet sich doch nirgends neben dieser Sehnsucht auch jenes klare Verständniß für die ersten, leisesten Regungen des erwachenden Lenzes, wie wir es der Anleitung unserer Weisen verdanken. Dieselben lehren uns den 15. des Monats Schewat — Ba»a -wy n»ön — als den Moment feiern, in welchem, trotzdem noch Schnee und Eis die Erdoberfläche bedeckt, das neue Leben sich wieder in den Bäumen zu regen anfängt. Für den oberflächlichen Beobachter zeigen die entblätterten, vom Sturm geschüttelten und dem Frost ausgesetzten Bäume noch keine Spur von der frischen Kraft und dem neuen Saft, der tief im Mark des Baumes nun zu treiben beginnt. So wird auch Israel von der großen Masse derjenigen, welche nur sein Aeußeres kennen und beürtheilen, unter die Abgestorbenen gezählt, weil sie den Geist und die Kraft nicht ahnen, welche sich tief im Herzen jedes Einzelnen und der Gesammtheit regen. Im Talmud wird die Frage, warum die Weisen die erste Frühlingsregung der Bäume gerade im winterlichsten Monate, im Schewat, erblicken, damit beantwortet: ,ru»n 'vM an inxm bwn proo nsipn an»»» hv *1« „Wenn auch noch der größte Theil der Winterzeit aussteht, so seien doch die meisten atmosphärischen Niederschläge bereits niedergefallen." (Rosch Haschana, Fol. 14 a.) In dieser Antwort sprich: sich die tiefe, grundsätzliche Verschiedenheit zwischen der gewöhnlichen, landläufigen Auffassung und derjenigen unserer Weisen aus. Je mehr Regen und Schnee wir sehen, desto fester glauben wir an den Winter und um so ferner wähnen wir den Frühling. Unsere Weisen aber erblicken in dem Umstande, daß diese Niederschläge bereits erfolgt und somit nicht mehr zu erwarten sind, das sichere Anzeichen des erwachenden Lenzes. Der Regen, der bereits gefallen ist, erweicht den Boden und macht ihn empfänglich für den täglich stärker scheinenden Sonnenstrahl. Selbst der kalte Schnee ist nur für unsere Empfindung kalt, den Boden wärmt er, wie uns die Kleidung aus Wolle wärmt. Daß Gott dem an und für sich kalten Schnee mit der wunderbaren Fähigkeit ausstattct, den Boden und die in ihm schlummernden Saaten wärmend zu schützen, spricht schon der 147. Psalm in den Worten aus: ->vLv Hi? jrun. „Er gibt den Schnee wie Wolle." Steht auch der größte Theil der Winter-Z eit noch bevor, so hält dies doch unsere Weisen nicht ab an den Frühling zu glauben. Wohl steht er in den Kalendern, aber wenn der größte Theil seiner Wetter und Stürme bereits wirklich ausgetobt hat, so ist seine Herrschaft vorüber; auch wenn seine Zeit noch nicht abgelaufen ist, so kann der Frühling deßhalb doch tief im Innern der Bäume sein Verjüngungs-