Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 31 (1890)
- Issue
- Heft 11 (6.2.1890)
- Date
- 1890-02-06
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2446951-2448024-2448036--29464-2477197- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
XXXI. Jahrgang. Erft« iWlapiiiJMI öES„3srnclita&„JFefdjur«nu. Leitender Artikel. 111 t> ifferen 1 ismus Von Dr. H. Sänger. II. Der Jndifferentismus findet sich überall und allgemein, auch auf Seiten der frommen Juden. Wie leicht gibt mau sich da zufrieden mit seinem religiösen Menschen in Hinblick auf die religiösen Zustände im anderen Lager! Und wenn man nur selbst seine religiösen Pflichten erfüllt — was Andere thnn, 'wie es bei Anderen in dieser Beziehung bestellt ist, läßt ihn gleichgiltig. „Es geht mich nichts an, was Andere thnn!" Das ist die scheinbare Toleranz, durch die man sich in den schönsten Jndifferentismus hineinlullt. Wo es sich um fremde Interessen handelt, da ist dieser Satz eine Wahrheit, aber nicht mehr da, wo es gemeinsame und höchste Interessen gilt. Es, braucht Jemand nicht gerade in meinen Garten steigen, um ihn als Dieb sestzuhaltcn, auch wenn er bei Anderen einbricht, habe ich als Nachbar und Bürger die Pflicht, hier gleichsam die Polizei zu vertreten. Man bleibt doch dabei der „ruhige", Bürger. — Ja, aber was sollen, was können wir thnn? Wir sorgen ja dafür, daß wir unfern religiösen Verpflichtungen Nachkommen können,, und man legt uns ja großcntheils kein Hinderniß mehr in den Weg; wir können als Jehudim leben. — Glaubt man das wirklich, oder ist cs nur eine bequeme Selbsttäuschung, eine Entschuldigung, um — indifferent bleiben zu können? In allen jenen Gemeinden, wo der Vorstand aus Resormelcmenten besteht, wird, mit nur äußerst wenigen Ausnahmen, so viel wie gar keine Rücksicht aus die „Frommen" genommen; sie gelten nichts, haben nichts zu sagen, werden als Minorität nicht beachtet. In Oesterreich, Böhmen, Mähren, Bayern, Württemberg k. sind die religiösen Zustände vielfach traurige. In allen diesen Ländern haben die frommen Juden, ich möchte sagen, nur noch eine geduldete Stellung, haben innerhalb der Gemeinden nicht den mindesten Einfluß. In allen diesen Ländern hat sich ein ertödtender Jndifferentismus der Frommen ermächtigt, der allein Schuld ist, daß die religiösen Zustände so zerfahren sind. In allen diesen Ländern ist eine echt jüdische Gemeinde eine Seltenheit. Fromme Juden gibt es ja allenthalben, aber das sind eben nur Einzelne, die immer ohne Bedeutung und ohne gewichtigen Einfluß sind, die sich schließlich fügen und unterwerfen müssen. In allen diesen Ländern begnügen sich die frommen Juden, wenn man ihnen nicht gerade persönliche Hindernisse in der Erfüllung ihrer religiösen Pflichten tu den Weg legt. Wenn ein Antisemite dem Inden irgend eine erdichtete Beschuldigung, einen Fehler, ein Unrecht in die Schuhe schiebt, da geräth man sofort in Aufregung, wehrt und verteidigt sich. Laßt doch die Antisemiten schimpfen und höhnen, und regt Euch etwas mehr über die untergeordnete, zuweilen oft schmachvolle Stellung auf, die Euch von den Reformgemeinden angewiesen wird! Suchet erst Euch die Stellung und die Achtung in der eigenen Mitte zu erwerben, die Euch zusteht! Eure Rabbinen sind nicht von Euch gewählt und nicht nach Eurem Herzen; Eure Lehrer, Eure Schochtim habt Ihr nicht zu prüfen und ob sie Euch genehm sind, oder nicht, Ihr müßt dazu schweigen; Eure Cantoren, die heute nur nach ihren Gesangsleistungen geprüft und angestellt werden, wollen gar nicht als -na» rvhv betrachtet sein, sondern nur als große Gesangskünftler, die durch ihr theatralisches Auftreten mehr an die Bühne, als an das Gotteshaus erinnern. Und wenn Ihr Euch nothdürftig ein eigenes Betlokal angeschafft, -möglicherweise auch einen urw abgerungen, zu dem Ihr Vertrauen habt; so glaubt Ihr ganz zufrieden sein zu können, alles Mögliche gethan zu haben, um nun in ungestörter Ruhe Euren profanen Obliegenheiten nachgehen zu können. Ihr verzichtet aber auf eine Stellung, auf die Anerkennung und Berechtigung, gesetzestrene Juden, gesetzestreue Gemeinden zu sein. Ich weiß, daß in vielen Gemeinden, wo man von Seiten des Reformvorftandes nicht so gar schroff gegen die Frommen vorging und ihnen gestattete, sich als Verein ein eigenes Betlokal einzurichten, die gesetzestreueu Juden glaubten, wenn man den Gemeindefrieden erhielte, dann dürfe man auf Selbstständigkeit, Unabhängigkeit, Achtung und Anerkennung verzichten. Unsere Weisen stellen ja