Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 31 (1890)
- Issue
- Heft 9 (30.1.1890)
- Date
- 1890-01-30
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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l’f'WW 1 147 Gedanken seinen Plan, dann schloß er mit einergewissen Hast den Koffer, zog Fußsocken über seine Stiesel, seinen Schritt möglichst unhörbar zu machen, und nahm einen Reisepelz über den Arm. Dann nahm er den Handkoffer, schob Streichhölzchen und einen Wachsstock in die Tasche und löschte seine Lampe aus. Ohne das geringste Geräusch verließ er nun sein Zimmer, durchschritt den ziemlich laugen Corridor und ging die Stiegen hinunter. Es war so still im ganzen Hause, daß er das jetzt doch heftigere Klopfen seines Herzens zu hören glaubte. Nach kaum einer Minute hatte er das Comptoir erreicht, das sich in den Parterre-Räumen befand. Geräuschlos steckte er den Schlüssel in's Loch und schloß auf, geräuschlos öffnete er die Thür und trat in das Geschäftslokal und vorsichtig drückte er die Thür wieder in's Schloß. Erleichtert athmete er auf, das Schwerste war bereits vollbracht, denn nun konnte er ungenirt den Wachsstock anzünden, durch die eisernen Fenster drang kein Lichstrahl hinaus und bei Licht war es ungleich leichter, jedes Geräusch zu vermeiden. Kurz nachdem er vor ungefähr sieben Jahren dem Spiele entsagt hatte und nachdem sein Vaterfeinen damaligen Lebenswandel für tadellos gehalten hatte, hatte derselbe ihm als Zeichen ehrender Anerkennung ein Paar Schlüssel zu dem eisernen Kassaschrank übergeben. Zwar hatte der Vaterlängst erfahren, daß der Sohn jene ehrende Anerkennung nie verdient. Die Schlüssel hatte er ihm dennoch gelassen, und hatte Adolf in der That in dieser Beziehung das in ihn gesetzte Vertrauen selten mißbraucht. Es war ihm daher jetzt, als er sich in nächtlicher Stunde allein im Comptoir befand, ein Leichtes, die Kasse zu öffnen und die in derselben befindlichen Werthpapiere an sich zu nehmen. Rasch entledigte er sich seines Rockes und zog auch die Weste aus, mit wenigen Schnitten hatte er das Futter yon dem Oberzeug getrennt, schob dann gewandt den größten Theil der Werthpapiere zwischen Futter und Oberzeug und nähte beides wiederum sorgfältig zusammen. Er brauchte sich bei dieser Arbeit nicht zu übereilen, denn der Eisenbahnzng, den er zu benützen gedachte, ging erst gegen zwei Uhr ab. In aller Gemächlichkeit ordnete er die Papiere. Ueberaus großmüthig dünkte er sich, daß er die Kasse nicht vollständig leerte, er wollte dem Vater doch ein kleines Betriebskapital zurücklassen, ein Rest von Scham hielt ihn zurück, denselben vollständig zum Bettler zu machen. Es schlug halb Eins, als er vollständig zur Reise gerüstet das Comptoir wieder verließ und dem Hausthor zu schlich. Der Hausschlüssel stak im Schloß, vorsichtig drehte er ihn um und öffnete die Thür, schlüpfte hinaus, drückte die Thür wieder in's Schloß, und — „Gott sei Lob und Dank!" murmelte er in sich hinein, indem er hastigen Schrittes die menschenleere Straße entlang eilte. Bei der nächsten Seitengasse bog er ein, denn eS war ihm vor allen Dingen daran gelegen, dem Vaterhause aus dem Gesicht zu kommen. Nun setzte er ruhigeren Schrittes seinen Weg fort, hatte er doch jetzt nichts mehr zu fürchten. Noch ahnte keines Menschen Seele seinen Diebstahl, sein Vater lag sicher in ruhigem Schlummer, der höchstens durch einen Traum gestört werden konnte, indem ihm vielleicht sein Sohn Dampfwolken in's Gesicht blies. Adolf mußte lachen, wenn er sich das Gesicht des Alten hiebei vergegenwärtigte, und munter trabte er weiter. Der Mond war aufgegangen, gespensterhast huschte sein riesiger Schatten au den Häusern neben ihm einher. „Närrischer Kauz, Du, man sieht Dir's nicht an, was Du vollbracht hast und was für'n gewichtiger Kerl Du bist." Er lachte in sich hinein über den eigenen Witz. Doch plötzlich ward ihm gegenüber in einem der Häuser ein Fenster aufgerissen und mehrere Stimmen riefen gleichzeitig: „Hilfe! Hilfe! Diebe! Diebe!" Wie von Furien gepeitscht rannte Adolf davon, hielt er sich doch überzeugt, jener Schrei gelte ihm und in der Verwirrung seiner Sinne übersah er vollständig, daß er sich durch sein sinnloses Rennen verdächtig machte. Bald waren noch mehrere Fenster aufgeriffen worden, aus einem nahegelegenen Tanzsaal stürzten die Bediensteten auf die Straße. Der Ruf Hilfe! und Diebe! dauerte fort und jeder hielt sich überzeugt, daß der in wilder Hast dahin Rennende der Dieb sein müsse, gegen den nun Hilfe gerufen worden. Und nun begann eine wilde Jagd. Adolf rannte weiter, immer weiter, Straße ein, Straße aus — seine Verfolger unaufhaltsam hinter ihm drein und beständig schrien sie, „haltet den Dieb! haltet den Dieb!" Adolf war der Verzweiflung nahe, schon wähnte er sich verloren, wähnte sich als ertappter Dieb dem Gerichte ausgeliefert. — Doch jetzt, im letzten Moment, kam ihm die Ueberlegung wieder, was hatte er denn jetzt zu fürchten? — sein ganzes Gebühren erschien ihm plötzlich als horrendeste Lächerlichkeit. Er hatte den Bahnhof erreicht, in wenigen Sekunden mußten ihn seine Verfolger eingeholt