Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 31 (1890)
- Issue
- Heft 8 (27.1.1890)
- Date
- 1890-01-27
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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'■rä “ ~7*TZTW:i*?;'*rS£r> 131 um seinen Hals, bald drückte sie ihre rosige Wange an sein faltiges Gesicht, so daß ihre hellen, goldglänzenden Locken mit den Silberfäden seines Bartes sich mengten; doch anmuthiger noch als ihre zierlichen Bewegungen war ihr liebliches Geplauder. Gill glückliches Lächeln umspielte die Lippen des sonst so ernsten Mannes als er den Worten des reizenden Kindes lauschte. „Bella wird heute mit Euch essen, Papa, Mania hat's erlaubt, weil morgen mein Geburtstag ist." „Wirklich? morgen ist Dein Geburtstag? — Das habe ich gar nicht gewußt." Die Kleine blickte ihn betroffen an. „Hast Du das wirklich nicht gewußt, Papa? wirst Du mir denn nicht etwas Schönes schenken zu meinem Geburtstag? Pcpi hat gesagt, Du würdest mir viele schöne Sachen zu meinem Geburtstag schenken." Lächelnd zuckte er die Achseln. „Ich weiß nicht, wie das möglich sein wird, morgen ist Sabbat, da darf man, wie Du weißt, nichts kaufen." Das Gesichtchen der Kleinen zog sich in die Länge, er weidete sich an ihrer Verlegenheit, doch gleich darauf schlug sie jubelnd die Hände ineinander. „Ich weiß schon, ich weiß schon wie es sein wird, Mama hat nicht an meinen Geburtstag vergessen, das weiß ich ganz bestimmt. Mama hat gewiß schon vor dem Sabbat schöne Sachen für mich gekauft; meinst Du nicht, Papa?" „Darüber kann ich Dir nichts sagen, das mußt Du die Mama fragen." „Das habe ich schon gethan, aber Mama will mir darauf nicht Antwort geben, Mama hat gesagt, ich muß warten bis morgen." „Ich kann Dir nur dasselbe rathen. Aber sage mir doch, Du kleines Hexchen, wie alt wirst Du morgen?" „Morgen werde ich vier Jahre alt", versetzte die Kleine mit ungemein wichtiger Miene, „da werde ich schon bald groß sein, und darum wird mir Mama von morgen an auch immer Wasser über die Hände gießen, bevor ich Brod cffe; denn weißt Du, Papa, jetzt werde ich nicht immer essen, nur weil es mir gut schmeckt, sondern damit ich groß und stark werde und alles thun kann, was der liebe Gott befohlen hat." Er drückte die kleine Plaudcrin fest an sich und blickte liebevoll auf die Gattin. „Aber ich habe schon großen Hunger, Papa, werden wir noch nicht essen?" „Wenn es der Mama recht ist, ich bin bereit. Laufe hinüber zu Adolf, sage ihm, er möchte herüberkommen, dann werde ich gleich Kiddusch machen." Das Kind ließ sich hinuntergleiten von seinen Knien und hüpfte hinaus, lächelnden Blickes sahen die Eltern ihr nach; schon nach wenigen Minuten kam sie zurück. „Adolf hat gesagt, er wird gleich kommen, er will nur den Brief zumachen, den er gleich fertig hat." Bärwald zuckte zusammen, als hätte er einen Stich ins Herz erhalten, das Lächeln war von seinen Lippen gewichen, er hatte sie fest aufeinandergepreßt wie in verhaltenem Schmerz. Schweigend und nicht ohne Anstrengung erhob er sich und verließ das Zimmer. Die kleine Bella plauderte munter weiter. „Adolf ist kein Jude, nicht wahr, Mama? — und warum hat Papa gesagt, ich soll Adolf herüberrufen zum Kidduschmachen? wenn er kein Jude ist und am Sabbat schreiben darf, dann braucht er doch kein Kiddusch zu hören? nicht wahr, Mama?" Frau Bärwald antwortete nicht, sie empfand mit dem Gatten den nagenden Schmerz, den dessen Herz erfüllte und eine Thräne trat in ihr Auge. Bärwald hatte indessen das in derselben Flur liegende Zimmer seines Sohnes erreicht. Der junge Mann saß am Schreibtisch, die glimmende Cigarre zwischen den Zähnen. Bärwald hatte gewußt, daß sein Sohn um die jüdischen Religionsgesetze sich nicht kümmerte; in seiner Gegenwart hatte er sich jedoch noch keine Gesetzesübertretung erlaubt. Den Sohn am Sabbat schreibend, "mit der brennenden Cigarre im Munde — dieser Anblick steigerte den Schmerz in seiner Brust bis zur unerträglichen Heftigkeit. Der sonst so besonnene Mann gerieth außer sich, er stieß einen Schrei aus und mit erhobener Faust stürzte er gegen den Sohn. Lachend wich Adolf aus. „Was ficht Dich an, Papa?" rief er noch immer lachend, „ich bin kein Kind mehr." „Bube!" zischte Bärwald, „Sabbatschänder!" „Sabbatschänder!" wiederholte Adolf lachend, „also das ist's! — ich wußte in der That nicht, was Dich so plötzlich überkommen. Aber ich bitte Dich, Papa, nimm' doch Vernunft an, bedenke, man muß dem Zeitgeist Concessionen machen, ein junger, intelligenter Mann wie ich kann sich nicht um den verrotteten Aberglauben der Großväter kümmern." Bärwaid stieß einen Schrei aus, er wollte reden, aber die Sprache versagte ihm, er schlug die Hände vor das zuckende Antlitz, wie ein Schauer durchfuhr es seine Glieder. „Aber, Papa, ich bitte Dich um's Himmelswillen, dieser Fanatismus gehört doch nicht in's