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Der Israelit · 1890-01-23 · Heft 7 (23.1.1890) · page 28

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Journal
Der Israelit
Volume
31 (1890)
Issue
Heft 7 (23.1.1890)
Date
1890-01-23
Page
– (sequence 28)
Language
German
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um den Fortschritt allgemeiner Humanität und Zivilisation überhaupt, ausserordentliche Verdienste erworben. — Nach mehr als zweistündigem Aufenthalt inUder Schule von Tetuan kehrten wir bei glühender Mittagshitze in unser Hotel zurück, die genossenen Eindrücke besprechend. In der Mellah umgab uns drückende, übelriechende Luft. Man trat auf Schritt und Tritt auf faulende Gemüsereste, todte Thiere, verdorbene Früchte und verwesende Fleischreste. Eng an einander gedrängt, reihte sich logenförmig Lädchen an Lädchen; hier schmiedete ein Jude mit entzündeten Augen künstliches Silberfiligran, dort nähte ein anderer Lederpantoffeln; hier verwaltete ein siebenjähriger Knabe den Laden in Abwesenheit seines Vaters, pries seine Waaren an, handelte und feilschte wie ein Alter; dort verkaufte eine kaum dem Kindesalter entwachsene Jüdin, dem Jüngstgeborenen die Brust reichend’, unreifes oder halb verdorbenes Obst. Wer hätte nicht von der Schönheit der]f nordafrikanischen Jüdinnen gehört oder gelesen? Nun, wir sahen in Tetuan sehr wenig davon. Unsere Freunde versicherten uns ferner, in jeder Stadt Europas verhältnissmässig eben so viele hübsche und schöne Jüdinnen gesehen zu haben, wie in Marokko. Die Tracht ist nicht vortheilhaft.— Die Tracht der Männer ist kleidsamer : über dem weissen Hemde eine bunte Leibbinde, eine helle Weste, dunkle, weite, oberhalb der Knöchel anschliessende Beinkleider, kurze, enge, dunkle Jacken ^und über dem Ganzen |jwieder ein langer, schlafrockähnlicher, weiter Rock, Ähnlich der Amtstracht evangelischer Pastoren. Aeltere Juden mit ernsten, scharf geschnittenen Gesichtern und langen Patriarchenbärten machen in ihren dunklen Talaren oft einen sehr guten Eindruck. Interessant vom anthropologischen Standpunkte war der Umstand, dass die grösste Mehrzahl der Juden, die wir zu Gesichte bekamen, blond waren, und dem Ethnographen wird die Mittheilung wissenswerth erscheinen, dass die Juden, die überhaupt schreiben können, ihr Spanisch oder Französisch meist mit gleicher Leichtigkeit mit der linken wie mit der rechten Hand, und ferner in Folge ihrer Kenntniss des Hebräischen nnd Arabischen ebenso gut mit beiden Händen von rechts nach links, wie von links nach rechts schreiben können. Der Sitte des Tätowirens huldigen beide Geschlechter nicht, dagegen lieben es die Jüdinnen, ihre Augenbrauen und Wimpern schwarz, die Fingernägel aber mit Hennah roth zu färben. Die Freude unserer spanischen Gastfreunde über unsere Erfahrungen und Erlebnisse in der Schule war nun leider keine ungetrübte. Beide konnten sich nicht den ausserordentlichen Einfluss verhehlen, den diese französisch-jüdischen Schulen auf die bisher spanisch redenden und denkenden Juden ausüben. Es mag darum hier erlaubt sein, mit wenigen Worten auf die Fragen einzugehen: Treibt die Israelitische Allianz mit oder in ihren Schulen 1) jüdische, 2) französische Propaganda? Beides ist derselben mehrfach zum Vorwurf gemacht worden. Ich glaube, die erste Frage ist. ebenso unbedingt zu verneinen, wie die zweite zu bejahen; ich beeile mich aber hinzuzusetzen, dass man unter „französisch“ durchaus nicht gleich „antideutsch“ zu verstehen hat*). Proselytenmacherei liegt den Juden überhaupt fern; es giebt weder jüdische Missionare, noch macht die Allianz in ihren Schulen irgend welche Bekehrungsversuche; und wenn sie es wirklich thäte, so sollten wir Christen derselben doch zu allerletzt daraus einen Vorwurf machen. Oder glauben die Christen das Monopol der Propaganda zu besitzen? Wohl wird in den unteren Klassen der Schalen durch Rabbiner Hebräisch gelehrt und jüdischer Religionsunterricht ertheilt; es fällt aber Niemandem ein, die Kinder katholischer, mohammedanischer, levantinischer, griechischer oder armenischer Eltern, die, wie schon bemerkt, die Schulen der Allianz, des guten Unterrichtes wegen, häufig besuchen, zu verpflichten oder auch nur es denselben nahe zu legen, an diesem Unterrichte Theil zu nehmen. (Fortsetzung folgt.) Notiz. Die Seuche „Hl b u Ruka b“, die besonders in der Küstenebene mächtig um sich griff, aber auch fernsalem und das Gebirge nicht verschonte, hat vor eiuem Monate bereits abzunehmen begonnen. Nicht nur ältere Personen, sondern auch Khider sind davon ergriffen worden, doch ist sie bei den letzteren in einer leichteren Form auf getreten. Ueberhauft hat sich diese Krankheit in verschiedenem Grade entwickelt, bei den Einen ist sie leicht, bei Hinderen wiederum sehr schmerzlich aufgetreten, verschiedene Eälle endigten mit dem lode. Die kühlere Witterung hat dem Fortschritt der Seuche entschieden Einhalt gethan. Hinfangs November war die Lufttemperatur während der Nacht bis auf 12 Grad R. gesunken. Auch Gewitterregen kamen strichweise vor, doch nicht so reichlich, dass die Saat bestellt werden konnte. *) Ein thörichtes französisches Lehrbuch, das sich einmal in die Schulen der Allianz hinein verloren hatte, ist inzwischen, wie mir von zuverlässiger Seite versichert wird, aus denselben wieder entfernt worden. Druck der Joh. Wirth’schen Hofbuchdruckerei (Oscar Lehmann) Mainz.

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