Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 31 (1890)
- Issue
- Heft 7 (23.1.1890)
- Date
- 1890-01-23
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
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122 ben eine gewisse Volksthümlichkcit erlangt, Sulzer besaß eine prachtvolle Stimme, einen Tenor-Bariton, um den ihn die Opern- und Concertsänger weit und breit beneideten. Wenn er in früheren Jahren an den jüdischen Feiertagen den gesanglichen Vortrag hielt, so war die Synagoge regelmäßig mit Andächtigen und Bewunderern ohne Unterschied des Glaubensbekenntnisses überfüllt. Franz List, der einem solchen Vortrag Sulzers beigewohnt, und seit dieser Zeit zu seinen Verehrern gehörte, spricht sich in seinem Buche „De bohemiens et de leur musique en hongria“ über die mächtige Wirkung, die der Gesang Sulzers auf ihn hervorbrachte, in hochpoetischer Weise aus: .... „Er ließ sich vernehmen, als habe er die Finsterniß Egyptens mitgemacht, und den lästerlichen Pharao von den Fluthen verschlingen gesehen — als ob die den Feinden unsichtbaren Fcuerwolken, welche sein Volk geleiteten, seinem entzückten Auge noch leuchteten; als wäre er noch Zeuge gewesen, wie der klaffende Schlund die Aufrührer Korah, Datan und Abiram verschlang; als hätte er in Zion Frcudenaccorde aus den Psaltern und Harfen erklingen gehört, als hätte er die Töne, welche David dem Instrumente entlockt, vernommen, als härte er Hiram gekannt, Ophir und Sidon besucht, die Königin von Saba den legendcnumwobencn 2chron Salomons hinanschreitcn scheu, als harre er den Gesang der Gefangenen zur Zeit Ezechiels arr den Ufern des Euphrat vernommen und die Worte des Nehemias und die Befehle Esras, als der Ternpcl aus seinen Trümmern sich erhob und man das Allerheiligste wieder ausrichtete." Der berühmte Liederkomponist Franz Schubert, dessen bester Interpret und Sänger seiner Lieder Sulzer war, zählte ebenfalls zu seinen Freunden und Verehrern. Als er anläßlich eines Hofconcertes, bei welchem auch Erzherzog Karl, der Sieger von Aspern — zugegen war, Schuberts „Allmacht" vonrug und die Zuhörer zu Thränen rührte, und der Erzherzog bemerkte, Sulzer möge doch den Tempel lassen und zur Oper gehen, erwiderte derselbe: „Ich kann nicht ans der Kutte springen, mich bindet ein Gelübde". Und nun erzählte er, wie er als Kind in einen Wildbach gefallen und ans wuudbarcr Weise gerettet wurde. Damals beschwor ihn seine Mutter, er möge sein Leben dem Gottesdienste weihen. Auf ihrem Sterbebette mutzte er seiner Mutter abermals schwören, seinem Berufe niemals treulos zu werden. Wie bereits erwähnt concentrirte sich die Thätigkeit Sulzers hauptsächlich auf die Reformation des jüdischen Gottesdienstes. Daß er hiermit die uns von den frühesten Zeiten überkommenen altjüdischen uns so anheimelnden Synagogengesänge, die wir Juden durch die sausende von Jahren durch alle Exilirungen und Kämpfe, die wir überftanden, in ihrer Originalität bewahrt und erhalten haben, abgeschafft und neue, uns fremdklingende, das echtjüdische Gefühl nicht anregende Gesänge hier eingeführt und auch anderwärts angeregt, dies müssen wir, so ungern wir es auch thun, dem todten Sänger wahrheitsgemäß nachsagen. Sein zu Ende der dreißiger Jahre verfaßtes Werk, „Sckire Zion" betitelt, ist ein Kompendium der wichtigsten von ihm reformirten Synagogalgesänge. Diese „Zionsaesänge", deren Herausgabe durch Schubert, Draxler und Seifried gefördert wurden, und welche von Musikkritikern als epochales Werk bezeichnet wurden, bildeten denWegweiser für den reformirten Gottesdienst. — Sulzer war auch Professor am hiesigen Conservatorium und bildete auch privatim sehr viele Säuger und Cantoren aus. Seine Schüler wirken in vielen Synagogen Europas und der neuen Welt. Im Jahre 1884 trat Sulzer nach fast sechzigjähriger Dienstzeit in den Ruhestand. Bei dieser Gelegenheit war er Gegenstand vieler Ovationen. Vom Gemeiudcrathe der Stadt wurde ihm das Bürgerrecht verliehen und erhielt er auch eine große Anzahl verschiedener Orden und Auszeichnungen. Saiomou Sulzer hinterläßt vier Söhne und vier Töchter. Einer der Söhne ist der jüngst pensiouirteKapellmeister des Hofburgtheaters Julius Sulzer, ein zweiter der bekannte Cellist in der Hofoper Joseph Sulzer. Der Verstorbene war ein äußerst guter Mensch, der aufstrebende Talente sehr gerne prolegirte und mit Rath und That unterstützte. Das Begräbniß findet Morgen Montag statt und dürfte sich zu einer äußerst imposanten Trauerkundgebung seitens der jüdischen Gemeindemitglieder, wie der christlichen Bürgerschaft gestalten. L ö.r. Wien. Der Gymnasialschnler Auron Ripp wurde wegen schwerer Körperverletzung des I2jähr. .Knaben Siegfrwd Weiß, den er zuvor unter Bezugnahme auf dessen jüdische Eonfession mit Schimpfnamen tractirte, vom Bezirksgerichte Alsergrund zu dreitägiger Einschließung au einem abgesonderten Orte, durch einmaliges Fasten verschärft, verurtheilt. Budapest, 10. Januar. Der Generaldirektor der hiesigen Straßenbahn, Herr Heinrich Jellinek, ist, in Anerkennung seiner Verdienste auf dem Gebiete des Verkehrswesens, von Sr. Maj. dem Könige durch Verleihung des ungarischen Adels ausgezeichnet worden.