Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 31 (1890)
- Issue
- Heft 6 (20.1.1890)
- Date
- 1890-01-20
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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95 "■'&**&*&*'S&i Hugo war ein gutgearteter Knabe von geradezu feurigem Temperament. Seine ehedem hellbraune Augen, die seine Adoptivmutter so lebhaft an die Augen ihrer eigenen Kinder erinnert hatten, waren längst grau geworden, nahezu violett, sie hatten die Farbe des Himmels wenn dunkele Wetterwolken ihn überziehen und konnten im Moment der Erregung Blitze schleudern; doch trotz seiner Lebhaftigkeit war er sanft und folgsam. Die Eltern liebte er leidenschaftlich, er schien unglücklich, wenn er sie einige Stunden nicht sehen konnte. Aber obgleich die Mutter ihn entschieden verhätschelte, er schien doch mehr an dem Vater zu hängen. — Er mochte ungefähr fünf Jahre zählen, als Frau Wildau, der, nach dem erwähnten Uebereinkommen seine religiöse Erziehung oblag, mit derselben beginnen zu müssen glaubte. Sie hatte freilich schon einige Male versucht, ihn durch fromme Legenden zu unterhalten, der lebhafte Knabe hatte ihr nicht Stand gehalten, mitten in ihren rührenden Erzählungen war er davon gelaufen. Sie hatte ihm darob nicht zürnen können, er war doch noch gar so klein — sie konnte ihm überhaupt nicht ürnen. Aber, sie hielt es doch nun an der Zeit, ihn ernstlich zu religiösen Uebungen anzuhalten. Sie lehrte ihn das Vater unser, das er auch gehorsam nachsprach, und dann setzte sie ihn neben sich auf das Sofa und während sie ihren Arm um ihn schlang, lehnte er das blonde Lockenköpfchen an ihre Brust und lauschte aufmerksam ihren Worten, als sie ihm von dem Stifter der christlichen Religion erzählte, der die kleinen Kinder gar so lieb gehabt habe. Dann hob sie ihn in ihren Armen und trug ihn zu dem Betschemel, wo sie ihre Andacht zu verrichten pflegte. „Komm'," sagte sie, „jetzt wollen wir zu ihm beten." Allein Hugo wollte nicht beten; alles gütliche Zureden war vergeblich, bis Frau Wildau in heftigen Zorn gerieth. Er hatte sie noch nie so heftig gesehen; Thränen entstürzten seinen Augen. Sie bereute ihre Heftigkeit, aber sie fühlte sich vollständig rathlos. Da ging die Thür auf, Wildau trat in das Zimmer. Hugo sprang auf und eilte ihm entgegen. „Papa!" jauchzte er, „lieber Papa!" Wildau hob ihn empor und küßte ihn zärtlich. „St, liebes Kind! die Mama betet, da dürfen wir,hier nicht plaudern, da gehen wir lieber hinüber in mein Zimmer." Der Kleine nickte ihm verständnißinnig zu und ließ sich von ihm in sein Arbeitszimmer tragen. Währenddessen lag Frau Wildau noch immer betend auf den Knien und flehte um Einsicht, auf daß es ihr gelingen möge, das Kind ihres Herzens zum wahren Glauben zu erziehen. — Seine Abneigung zu beten hatte sie bis in das Innerste ihres Herzens getroffen; derartiges hätte sie nimmer für möglich gehalten. — Wäre es ihr eigenes Kind gewesen, sein Benehmen hätte sie zwar nicht weniger geschmerzt, aber doch weniger frappirt, denn sie hätte es für ererbten Unglauben gehalten. Aber Freigeister, wie ihr Mann einer war, die gab es doch nur Wenige, zweifellos war Hugo das Kind eines strenggläubigen Katholiken — und dennoch — Sie hatte noch nie Gelegenheit gehabt, ein Kind zu religiösen Uebungen anzuhalten; war es da zu verwundern, daß sie nicht sofort das Richtige getroffen? — Aber gleich am folgenden Tage wollte sie mit ihrem Beichtvater darüber sprechen, sich von ihm Anleitung erbitten, wie sie ihren holden Knaben zu einem rechten Katholiken erziehen könne. Pater Antonio war fromm und klug und überaus sanft und milde; mit ihm konnte sie über alles sprechen, selbst über den Unglauben ihres Mannes; er werde ihr sicher auch Rath wissen in dieser heilig ernsten Angelegenheit. Gleich in den Frühstunden wollte sie ihn am morgigen Tage aufsuchen. Mit diesem Entschlüsse erhob sie sich endlich von ihren Knien und begab sich wiederum ruhigen Herzens in das Zimmer ihres Mannes. Schon im Corridor vernahm sie Wildau's Stimme, der den Kleinen auf seinen Knien reiten ließ. „Hotto! hotto! hotto! ho!" Und dazwischen das Jauchzen des Kindes. Lächelnd öffnete sie die Thüre und mit freundlichem Gruß trat sie ein. „Aber ich fürchte, Du bist zu wild mit ihm", sagte sie ängstlich, „Hugo ist ja ganz echaussirt." „Das schadet ihm nicht," entgegnete er lachend und mit einem Ruck hatte er den Knaben von seinem Knie auf seine Schulter gehoben und stolzirte mit ihm im Zimmer herum. Hugo jubelte laut und zappelte mit Händen und Füßen. „Mama! Mama! jetzt bin ich viel größer als Du!" Doch Wildau sah, daß sich seine Frau in der That ängstigte, darum ließ er sich lwteder in den Lehnsessel nieder und nahm das Kind auf den Schooß. „Laß' mich reiten, lieber Papa", bat der Kleine schmeichelnd.