Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 31 (1890)
- Issue
- Heft 4 (13.1.1890)
- Date
- 1890-01-13
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2446951-2448024-2448029--29324-2477050- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
60 Aenilleton. Professor Krug üöer die Juden. Mitgetheilt von Emil Benjamin aus Memel, Religionslehrer in Bitburg. Unter den Philosophen in der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts nimmt Prof. Wilhelm Lraugott Krug unstreitig eine hervorragende Stelle ein. Dies beweist nicht nur die Anerkennung, welche ihm die Geschichte der Philosophie zollt, sondern auch seine zahlreichen, noch jetzt höchst nützlichen und brauchbaren fachwissenschaftlichen Schriften und Hilfsbücher. Professor Krug war jedoch kein Mann von bloßer Kathederweisheit, sondern er besaß auch großes Verständniß für das Große und Ganze des wirklichen Weltlebens, kurz, er war nicht nur Philosoph, sondern auch Politiker. Dieser Seite seines großen, vielumfassenden Geistes wird wohl seine Schrift „Dikäopolitik" ihr Dasein verdanken, und auch wohl die nachstehende kleine Schrift, welche folgenden bedeutungsvollen Namen trägt: „Polens Schicksal, ein Wah rzeichen für alleVölker, welche ihre Freiheit bewahren wollen" (Leipzig 1831). In dieser unscheinbaren Flugschrift, welche Professor K. kurz nach Warschaus Falle geschrieben, sucht derselbe die Fehler, welche das polnische Volk und die Führer desselben begingen und wodurch fie ihre eigene Freiheit zu Grunde gerichtet, freimüthig und unverhohlen darzulegen. — Im Verlaufe seiner Darlegungen kommt Prof. Krug auf die Juden Polens zu sprechen, nämlich auf ihre Bewandniß mit dem Sturze ihres damaligen Schutzlandes. Die bei dieser Gelegenheit von diesem großen Denker gethane Auslassungen verdienen um so eher der Vergessenheit entzogen zu werden, als sie nicht nur eine förmliche Schutzrede für die damaligen Juden Polens waren, sondern auch für die Juden aller Länder und, man kann sagen, für die Juden aller — Zeiten. Wir lassen jene denkwürdigen Worte des großen nichtjüdischen Weisen hier folgen, welche also lauten: „Eben so vielen Widerstand fand der sehr vernünftige Vorschlag, die Juden durch eine vollständige Emancipation in's Bürgerthum und folglich auch in's Nationalheer aufzunehmen. Vernünftig nennen wir diesen Vorschlag, nicht blos weil er an und für sich gerecht und billig, sondern auch weil er für den vorliegenden Zweck sehr heilsam war. Denn bekanntlich ist die jüdische Bevölkerung in Polen eben so zahlreich als einflußreich. Sie also für die öffentliche Sache in einer so schweren Krise zu gewinnen, war gewiß zweckmäßig, ja nothwendig. Dennoch fand der Vorschlag Widerspruch, und dennoch sollten die Juden große Geldopfer bringen und in den Bürgergarden dienen — gleichsam als könnte man vernünftiger Weise von demjenigen Bürger pf lichten und Bürg er tu genden fordern, dem man keine Bürgerrechte zugesteht. Durfte man sich nun wundern, wenn die Juden den Russen lieber für Geld als den Polen durch Geld dienten? Freilich befanden sich hier die polnischen Kammern in demselben Jrrthume, in welchem sich auch viele andere christliche Kammern befinden. Sie verwechselten die Wirkung mit der Ursache. Sie hielten die Juden für unwürdig des Bürgerthums, ohne zu bedenken, daß, wenn dies der Fall, die Christen selbst daran Schuld sind, weil sie die Juden Jahrhunderte lang gehaßt, gedrückt und verfolgt haben — daß die Christen in Egypten und anderwärts, wo sie eben so behandelt worden, auch eben so sind, wie die Juden — und daß es widersinnig ist, von Menschen zu fordern, daß sie gut seien, während man sie schlecht behandelt, daß sie uns Liebe beweisen, während wir ihnen Haß beweisen, trotz dem Gebote des Evangeliums, alle Menschen, selbst unsere Feinde, als Brüder, als Kinder desselben Vaters zu lieben. Die Holländer, die man gewöhnlich auch wegen ihres Phlagma's nicht sehr hoch achtet, sind doch klüger als viele andere christliche Völker gewesen. In Amsterdam, wo die meisten und reichsten Juden leben, verhielten sich, bevor man den Juden das Bürgerrecht ertheilte, die jüdischen Verbrecher zu den christlichen wie 1 zu 9. Nachdem man cs ihnen aber ertheilt hatte, verminderte sich die Zahl der jüdischen Verbrecher so sehr, daß sie sich zu den christlichen wie 1 zu 20 verhielten. Sehet da eine Thatsache, die mehr beweist, als alle Gründe der Judenfeinde! So gehet hin und thuet desgleichen!" Wochen - Kalender. Freitag, 17. Jan., 25. Tebct. Samstag, 18. Jan., 26. Tebet n"3D JOM Sabbat-Ausgang 5 Uhr 20 Min. (Mainzer Uhr).