Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 31 (1890)
- Issue
- Heft 4 (13.1.1890)
- Date
- 1890-01-13
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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55 zögerte er keinen Moment, er sprang in einen in der Nähe liegenden Schifferkahn, koppelte ihn los und pfeilschnell flog das leichte Fahrzeug durch die sich kräuselnden Wellen dahin. „Wer ist der Tollkühne, der bei diesem Wasserstand in einer Nußschale sich schaukelt?" fragte einer der Umstehenden. „Wildau ist es, der Architekt Wildau," erwiderte ein anderer, „kennen Sie ihn nicht?" „Ich hätte ihm derartigen Uebermuth nicht zugetraut, das ist ja geradezu Frevel." „Ist Gefahr vorhanden?" fragte Frau Wildau mit angstvoll bebender Stimme, „mein Mann rudert jener Wiege nach, die dort vor ihm hertreibt, es ist ein Kind darin." „Dann lassen Sie uns eilen, ihm bei dem Rettungswerk behilflich zu sein. Kommen Sie, Herr Gödeke, dort in den Kahn, Sie verstehen zu rudern. Und fürchten Sie nichts, Frau Wildau, Ihr Herr Gemahl ist ein tüchtiger Schwimmer und überdieß sind wir sogleich an seiner Seite." Die beiden Männer waren in den Kahn gesprungen und gleich darauf sah man sie mit mächtigen Ruderschlägen die Fluthen durchschneiden. Frau Wildau stand am Ufer, mit gerungenen Händen blickte sie den Ruderern nach. Die Wiege war bereits ihren Blicken entschwunden durch eine Krümmung, die der Fluß dort machte, ihren Mann sah sie noch, aber er war bereits so fern, daß sein Fahrzeug ihr in Wirklichkeit nur wie eine Nußschale erschien — und jetzt — jetzt sah sie ihn auch nicht mehr. — Großer Gott! — wenn ihm ein Unglück geschähe! — Ihre bebenden Lippen flüsterten ein Vater unser. — Doch plötzlich richtete sie sich auf und wie ein gescheuchtes Reh floh sie dahin das Ufer entlang — stromabwärts. Mehrere Minuten war sie gerannt, noch immer sah sie den Gatten nicht, und der Athem versagte ihr bereits. — Doch plötzlich stieß sie einen Schrei aus, sie hatte Wildau erblickt. Hoch aufgerichtet stand er in dem schwankenden Kahn und die Wiege war dicht vor ihm. Mit seiner Ruderstange hatte er das Wiegendach erfaßt. — Und jetzt waren auch die Männer in dem zweiten Kahn an seiner Seite, ihrer vereinten Anstrengung gelang es, mit der Wiege das Ufer zu erreichen, wo Frau Wildau in höchster Erregung ihrer harrte. „Gott sei Dank!" flüsterte sie, „Gott sei Lob und Dank!" Da vernahm sie das Weinen eines kleinen Kindes, und auch ihren Augen entstürzten Thränen als sie sich über die Wiege neigte und aus derselben ein Kind von wenigen Monaten emporhob. „Du hast doch recht gehabt", sagte Wildau, indem er seinen Arm um sie schlang, „das Kleine verdankt Dir sein Leben." Sie drückte das Kind zärtlich an sich. „Laß' uns heim eilen," sagte sie, „wer weiß, wie lange das arme Wesen schon auf dem Wasser getrieben." „Es hat recht gut geschlafen", entgegnete er, „jetzt erst ist es aufgewacht, bis dahin hat es auch nicht einen Laut hören lassen, so daß ich noch im letzten Augenblick gezweifelt habe, ob die Wiege nicht leer gewesen." „Wer weiß, wem das Kind gehört", sagte Gödeke. „Vorläufig gehört es mir", versetzte Frau Wildau; das Kind abermals an sich drückend, das mit seinen großen, blauen Augen wie verwundert zu der ihm fremden, bleichen Frau emporfchaute. Doch als sie ihm freundlich zulächelte, verzog auch das Kind das rosige Mündchen zu einem Lächeln. „Wie Hugo", flüsterte die Frau in sich hinein, „ganz wie unser Hugo. — Laß' uns nach Hause eilen", wandte sie sich bittend an ihren Mann, „es wird hungrig sein." Wildau war gern einverstanden, er verneigte sich grüßend gegen die beiden Herren, die ihm behilflich gewesen und schritt dann an der Seite seiner Frau einher, froh erregt über die gelungene Rettung eines Menschenlebens und über die anscheinend günstige Aenderung der Stimmung seiner Frau. Sie hatte viel gelitten, die arme Frau, ein seltsam unglückliches Verhängniß lastete auf ihrer sonst glücklichen Ehe. Schon dreimal war sie Mutter gewesen, doch keines ihrer Kinder hatte die Zahnperiode übcrstanden, sie waren sämmtlich im ersten Jahr gestorben, und sie hatte sie alle so heiß, so innig geliebt, wie nur ein Mutterherz zu lieben vermag. Ihr Gatte hatte allerdings bei dem Sterben der Kinder kaum weniger gelitten als sie, aber er war ein Rann; sein Beruf rief ihn hinaus in das Werktätige Leben, er hatte nicht Zeit, sich seinem Schmerze zu überlassen, darum gelang cs ihm, denselben rascher zu überwinden. In seinen freien Stunden war er unablässig bemüht, seine schwache, unglückliche Frau zu stützen und zu trösten, doch daß er sie heute schon lächeln sehen werde, das hätte er nimmer für möglich gehalten. Mit einer Art von Dankbarkeit blickte er daher auf das schöne, rosige Kind, das sie in ihren Armen trug. Sie bewohnten ein Landhaus vor der Stadt