Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 30 (1889)
- Issue
- Heft 100-101 (24.12.1889)
- Date
- 1889-12-24
- Page
- – (sequence 20)
- Language
- German
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1748 verlangt, als daß die von ihm — allerdings vorläufig nur mit Worten — gepeitschten Juden ihm Handlangerdienste leisten. —Obodenlose Einfaltl Ist denn der letzte Atom Quecksilber in Eurem Gehirn verwittert? Ihr habt uns mit allen möglichen und unmöglichen Lastern der Welt gebrandmarkt. Sind wir mit einem Male auch so elendiglich blind geworden, daß wir den Abgrund nicht sehen, an welchen Ihr uns zerren wollt? Noch athmen wir, noch lebt der alte Makkabäergeift in uns. Ihr habt uns wieder einmal den Kampf um „Sein oder Nichtsein" angeboten, wir nehmen ihn auf, wir scheuen ihn nicht. — Brüder, Genossen, haltet Wache, bleibt gerüstet! Wir haben einen bissigen Feind im Staate, einen wüthenden Hasser, der wieder einmal die entsetzlichsten Verleumdungen gegen uns ausgestoßen hat, der uns des Vaterlandsverraths bezichtigt, bekämpfet diese Gegner mit der ganzen Gewalt Eures Einflusses, er hat Euch den Krieg angeboten, tretet nicht feige zurück; solange er seinen Pesthauch ausathmet, winkt kein Friede unserm theuern Vaterlande, Ihr kämpfet für die Ruhe, für die Wohlfahrt der deutschen Nation, so Ihr deren schmählichste Ausgeburt — den Antisemitismus — bekrieget. Jes. 57, 20, 21. Wiesbaden, 17. Dezember. In der heutigen Sitzung der Strafkammer gelangte ein vielbesprochener Fall von Freiheitsberaubung zur Aburthetlung. Angeklagt waren vier Personen: 1) Jakob Kahn, Handelsmann, 2) dessen Ehefrau Adelheide gcb. Roos, 3) Isaak Grünebaum, 4) Moses Kreitelt, sämmtlich aus Kettenbach (Untertaunus), die beiden ersten wegen Freiheitsberaubung und die beiden letzten wegen Beihilfe dazu. Zum Verständnisse der Sache ist cs erforderlich, etwas zurückzugreifen. Die Frau des Angeklagten Kahn ist geboren in Frücht bei Ems, wo bisher noch ein Bruder und eine jüngere Schwester Bertha wohnte, während die Eltern todt sind. Bertha Roos, zur Zeit unserer Geschichte 17 Jahre alt, und ein junger Christenbursche, Namens Fr. Sabel, aus einer Mühle im „Schweizerthale" bei Miellen a. d. Laha, in der Nähe von Frücht, lernten sich kennen und lieben. Ihrer Verbindung standen jedoch die religiösen Bedenken entgegen, die nicht so leicht zu verdrängen gewesen sein würden, wenn nicht das Paar ganz energische Schritte gethan hätte. Eines schönen Tages waren nämlich Beide verschwunden und als sie nach einiger Zeit in die Heimath zurückkehrten, waren sie Mann und Frau, denn sie hatten sich in London trauen lassen. Diese Thatsache hatte Bertha ihrer Schwester Adelheide in Kettenbach in einem Briefe, den sie aus der Reise an diese gerichtet hatte, dadurch mitgetheitt, daß sie Unterzeichnete „Bertha S. geb. R." Nach Empfang dieser Zeilen setzten die Verwandten alles daran, den Schritt Bertha's rückgängig zu machen. Adelheide K. schrieb an Bertha, sie sei sehr krank, müsse wahrscheinlich nach Marburg reisen, um sich operiren zu lassen und wünsche sehr, ihre liebe Schwester noch einmal zu sehen, sie, Bertha, möge daher doch recht bald kommen. Bertha reifte auch nach Kettenbach, fand aber zu ihrem Erstaunen die Schwester ganz wohl und munter. Der Schwager und die Schwester drangen aber in sie, sie möge doch die Sache rückgängig machen, gesetzlich sei sie ja nicht verheirathet u. s. w. Gleichzeitig wurde aber auch Bertha in einem Zimmer festgehalten, damit sie nicht abreisen könne. Als sie zur festgesetzten Zeit nicht nach Hause zurückkehrte, reiste ihr Mann nach und dieser befreite dann durch Hinzuziehung eines Gensdarmen seine junge- Frau. Jakob Kahn wurde heute zu 4 Wochen Gefängniß, seine Frau zu 150 Mk. und Moses Kreitelt zu 100 Mk. Geldstrafe verurtheilt, während Isaak Grüncbaum freigesprochen wurde. Schweiz. B. Basel, 16. Dezember. Gestern Abend fand in unserer Gemeinde eine wichtige und bedeutungsvolle Gemeindeversammlung statt. Die hiesige Synagoge ist im Jahre 1864 gebaut worden, zu einer Zeit, als die Gemeinde, da Juden erst seit dem Jahre 1864 hier sein dürfen, noch sehr klein war. Inzwischen wuchs die Anzahl der Gemeindemitglicder, besonders seit dem Kriege, so daß wir jetzt ca. 240 Haushaltungen haben. Natürlich war die Synagoge schon seit längerer Zeit, besonders an den hohen Festtagen, für diese Zahl zu klein. Am jüngsten Sonntage legte nun der Gemeinderath das Projekt zur Vergrößerung der Synagoge, die nach dem Plane 600 Plätze hat, der Gemeindeversammlung zur Beschlußfassung vor. Leider ging cs dabei nicht ohne einen bedauerlichen Zwischenfall ab. Wie wohl in den meisten Gemeinden, die zahlreiche „neue" Elemente haben, kam bei dem Neubau der Synagoge auch die leidige Orgelsrage zur Debatte. Bereits früher hatten wir ein Harmonium, welches allerdings nicht regelmäßig, aber doch ziemlich oft an Festtagen gespielt wurde. Unserm hochverehrten Rabbiner, Herrn Dr. Cohn, gelang es, wie so manches andere Ersprießliche, gleich bei seinem Amtsantritt das Spielen des Harmoniums zu verhindern und dasselbe aus dem Gotteshause zu verbannen. Die Debatte über die Orgel in der Ge-