Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 30 (1889)
- Issue
- Heft 97 (12.12.1889)
- Date
- 1889-12-12
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2446951-2447947-2448019--29155-2476873- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
1683 Holland. Amsterdam. Vor einiger Zeit verschied hier Herr M. Roest, Herausgeber der Wochenschrift: „Israelitische Letterbode" (Literatur-Bote). Derselbe war namentlich als Bibliograph sehr bedeutend und zeugen viele von ihm verfaßte Kataloge jüdischer Bibliotheken von seiner Kennerschaft in diesem Fache. Er war zugleich Custos der berühmten Rosenthal'schen Bibliothek. Der Sammler derselben, einst Stistungsrabbiner in Hannover, hinterließ sie seinem Sohne, dem Baron Rosenthal, Chef des großen hiesigen Bankhauses Lippmann, Rosenthal u. Co., und dieser schenkte sie der Stadtbibliothek,' welche Herrn Roest mit der Ordnung und Verwaltung der kostbaren Sammlung, die bekanntlich viele seltene Drucke und Manuscripte enthält, beauftragte. Herr Roest war ein sehr gelehrter Mann; er widmete sein reiches Wissen und seine tüchtige Arbettskraft ausschließlich der jüdischen Wissenschaft. Dabei war er im höchsten Grade bescheiden, zuvorkommend und gefällig. rrnsun Feuilleton. VI. Frau Pessel und Frau Perl berichteten mit großer Ausführlichkeit über die Erfolglosigkeit ihrer Bemühungen nach Leipnik. Ahron Taubener las mit Verwunderung die Briefe, und da er gerade in Geschäften nach Nikolsburg reisen mußte, so beschloß er, die Angelegenheit mit dem Landrabbiner zu besprechen, den er schon seit langer Zeit kannte. Rabbi Menachem Mendel empfing ihn aufs freundlichste und ließ sich von ihm alles mit der größten Umständlichkeit erzählen. „Rabbi," sagte Ahron am Schluffe seiner Erzählung, „mir ist in Folge der Hartnäckigkeit der jungen Frau doch ein Zweifel gekommen, ob man recht daran thut, so in sie zu dringen. Unsere Weisen sagen, daß unser Vater Jakob nur deßhalb seinen Sohn Joseph nicht vergessen konnte, weil derselbe noch am Leben war. Wäre er gestorben gewesen, hätte ihn wirklich ein wildes Thier zerrissen gehabt, so wäre der Schmerz des Vaters wohl im Laufe der Zeit gemildert worden, wie der Prophet sagt: Ich bin vergessen wie ein Todter aus dem Herzen. Daraus folgern die Weisen, daß es eine wohlthätige Einrichtung des allgütigen Gottes ist, daß das vergessen wird, was die Erde bedeckt. Verzeiht, Rabbi, daß ich Euch das sage. Ihr wißt ja das alles viel besser. Ich möchte nur daraus schließen, daß vielleicht trotz allem der Eidam des Rabbiners von Trebitsch noch am Leben sein könnte." „„Das ist unmöglich"", entgegnete der Landrabbiner. „„Ein Beth Din hat gesessen, hat die Zeugen vernommen, hat seine Entscheidung getroffen — da gibt es keinen Zweifel mehr. Was Ihr da sagt von der Erklärung der Weisen, so ist das allerdings die Regel, doch gibt es Ausnahmen. Ich habe eine Frau gekannt, deren ältester Sohn von einer Reise nicht zurückkehrte und spurlos verschwunden blieb. Aller Wahrscheinlichkeit nach war er von Räubern überfallen, beraubt, erschlagen und in die Erde verscharrt worden. Die Mutter aber konnte den verschwundenen Sohn nicht vergessen. Nach länger als 50 Jahren wartete sie noch täglich auf die Rückkehr ihres Lieblings."" „Es ist gewiß so, wie Ihr sagt, Rabbi. Ich wollte auch nur fragen, ob es nicht besser wäre, von der ganzen Sache abzulassen. Hat doch der Prophet Jecheskel sich zurückgehalten, etwas zu genießen, worüber man erst eine Entscheidung eines Weisen hat einholen müssen, selbst wenn der Weise die Sache für erlaubt erklärt hatte." „„Auch das ist hier nicht anwendbar. Hier handelt es sich um eine Entscheidung, deren Richtigkeit weder angezweifelt werden kann, noch darf. Wenn also die junge Wittwe einwilligt, so mag Euer Sohn sie ohne jeden Gewissensskrupel heirathen. — Aus Euren Fragen sehe ich, daß Ihr nicht ungelehrt seid. Wenn Ihr nichts dagegen habt, so werde ich Euch ein Ehaber-Diplom ausfertigen lassen."" „Wenn der Rabbi meint, daß ich dessen würdig bin, so würde ich sehr beglückt dadurch sein und mich hochgeehrt fühlen." Der Landsopher wurde herbeigerufen, und dieser fertigte in schöner Quadratschrift daS Diplom aus, welches der Landrabbiner unterschrieb. Als Rabbi Ahron Taubener nach Hause kam, machte er bei dem Vorstande seiner Gemeinde die Anzeige von der ihm zu Theil gewordenen Ehre, und am nächsten Sabbate wurde er mit der „Chower" zur Thora gerufen. Nach dem Schluste des Gottesdienstes kamen fast alle Gemeindemitglieder, um den so Ausgezeichneten zu beglückwünschen; fie wurden mit Wein und Kuchen bewirthet, und die allgemeine Stimmung war bald eine sehr heitere. Jeder gönnte dem frommen und wohlthätigen Manne die ihm widerfahrene Ehre. ,<„Rabbi Ahron,"" sagte ein alter Talmudgelehrter, „„da Ihr jetzt zu den Lamdonim gehört, so müßt Ihr Euch für die B'ne Thauro besonders interessiren. Da ist während Eurer Abwesenheit ein junger Mann zugereist, zerlumpt und abgerissen