Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 30 (1889)
- Issue
- Heft 96 (9.12.1889)
- Date
- 1889-12-09
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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1671 lichcr Gedanken, wie ich, entschlagen wollten, sei es, daß die Mittheilungsgabe, die [ja auf Reisen sich in besonderem Maße bemerkbar macht, auch hier ihre Wirkung ausübte, wir gerietheu bald in ein lebhaftes Gespräch, in welchem der alte Herr mit trefflichen Bemerkungen sich als scharfer Beobachter von Land und Leuten zeigte und seine Tochter eine bedeutende Kcnutuiß unserer neueren Litetur entwickelte. Schließlich lenkte sich das Gespräch von schriftslellernden Frauen auf die Frauen selbst, und nun verfocht mein hübsches Gegenüber mit hartnäckiger Energie die Frauenemancipation, die ja in Rußland besonders ihre Vertreter hat. „Ebenbürtig stehe das Weib dem Manne gegenüber in der Schöpfung, ebenbürtig niüsse auch seine Stellung werden gegenüber dem sogenannten Herrn der Schöpfung in der Gesellschaft und im öffentlichen Leben, in Kunst und in Politik. Was habe denn der Mann dem Weibe voraus, wenn nicht das angemaßte Recht des Stärkeren, was sei die Schwäche des Weibes denn anders, wenn nicht das verlorene Bewußtsein seiner höheren Fähigkeit, aus barbarischer Unterdrückung entstammend, durch lange Gewohnheit allmählich herangebildet?" Ich erklärte mich von vornherein als Anhänger der jüdischen Anschauung, die einen ganz anderen Begriff von der Stellung des Weibes hat. Sie ist ebenso weit entfernt von der ritterlichen Schwärmerei des Mittelalters, welche das Weib zum Gegenstände eines spielenden Kultus machte, wie von jenen Gleichheitsgelüstcn der Gegenwart, welche alle Unterschiede zwischen Mann und Weib in der Staatenordnung und in den gesellschaftlichen Einrichtungen verwischen möchte. Der Wirkungskreis der Frau ist das Hans, seinen schönsten Beruf findet das echte Weib in der Familie, als sorgende Mutter der Kinder, als treue Gefährtin des Mannes, die in trüben Stunden die schwarzen Sorgen mit liebender Hand von seiner Stirne scheucht, die, den Gatten voll und ganz verstehend, in Stunden bangen Zweifels, düsterer Ungewißheit, helfend und führend ihm zur Seite steht, segendringend, friedenspendend, des Hauses schirmender Schutzgeist. Und seien der Frau nicht Rechte genug gewährt, könne denn das Herz des Weibes nicht Befriedigung, nicht die edelste und reinste Freude empfinden, durch Wort und Wink auch den trotzigsten Nacken zu beugen? Nein, der Mann für des Lebens Treiben und Tosen in dem endlosen Kampfe um der Menschheit Güter, das Weib für das Sorgen und Schaffen im treulichen Heim! Auch der Vater meiner Partnerin, der seinem | Töchterlein allerlei Zugeständnisse machte, betheii i ligte sich an unserem Gespräche, indem er als Veri treter der juste milieu unfern jugendlichen Ungestüm zügelte und mit der weisen Ruhe des erfahrenen Alters den Streit schließlich in friedlichere Bahnen lenkte. Inzwischen hatte ich mit Staunen wahrgenommen, daß meine Nachbarin ihre Handtasche öffnete und sich allmählich mit Gold und Juwelen in überreicher Fülle schmückte, ich zählte allein sieben mit Edelsteinen reich besetzte Armbänder, von sonstigen Schmuckgegenständeu ganz zu schweigen. Mein verwundertes Gesicht schien sie zu amüsiren, mit ihrem reizenden Lächeln fragte sie mich: „Sie staunen wohl über mein unverständliches Thun?" In meiner Verlegenheit fand ich nicht sofort eine Antwort. Sie fuhr daher fort: „Sie haben wohl noch nie den Fuß auf russischen Boden gesetzt und wiffen auch nicht, welche Unannehmlichkeiten man mit unseren Zollwächtern haben kann? Da ich nun keineswegs gesonnen bin, meiner Juwelen wegen, welche in Rußland gekauft und deßhalb zollfrei sind, mich aushalten zu laffen, so helfe ich mir auf diese Weise." Ich konnte mich während dieser Bemerkung des Gedankens nicht entschlagen, daß gegebenen Falls auch die Germanen ihren Vortheil wohl zu wahren wiffen, und ich lächelte. Aber es war mir nicht mehr möglich, diesen Gedanken in Worte zu kleiden, denn ein gellender langgezogener Pfiff hieß uns alle nach unseren Effekten greifen und, noch einige Augenblicke, und der Zug hielt an der Grenzstation, Wirballcn im deutschen, Weybolowo im russischen Munde; bei trübem Schimmer der Laternen erkannte ich die langgestreckten Baulichkeiten des Bahnhofes mit dem glasüberdeckten Perron. Ich öffnete die Thüre des Waggons und trat hinaus, um meiner Dame bei dem Aussteigen behilflich zu sein; aber ich kam nicht dazu; denn strammen Schritts trat eine Hünengestalt mit riesigem Barte mir entgegen, den rothen Ezako auf dem Kopfe und einen gewaltigen Säbel an der Seite, und mit dröhnender Stimme klang mir das Wort „Paß" in die Ohren. (Schluß folgt.) Wochen - Kalender. Freitag, 13. Dez.. 20. Kislew. Samstag, 14. Dez., 21. Kislew 2m Sabbat-Ausgang 4 Uhr 50 Min. (Mainzer Uhr). Mittwoch, 18. Dezember, 25. Kislew riDun