Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1889-12-02 · Heft 94 (2.12.1889) · page 24

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
30 (1889)
Issue
Heft 94 (2.12.1889)
Date
1889-12-02
Page
– (sequence 24)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2446951-2447947-2448016--29117-2476832
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

stück erstreckt, haben in den letzten 2 Jahren arme Juden zur Unterkunft für sich und ihre Familien 50 bis 60 Holzbaracken errichtet aus alten Kisten und anderem Material, zum Theil bedeckt mit Dachziegeln, aber auch mit dem Blech alter Erdölbüchsen, mit Strohmatten und dergleichen. Diese geringen Hütten zeigen, in welcher Armuth und welchen armseligen Verhältnissen ein grosser Theil der hiesigen Juden lebt; bei der grössten Sparsamkeit können sie aus Mangel an Verdienst kaum ihr Leben durchschlagen; sie essen selten etwas Warmes, begnügen sich mit Brot und Zwiebeln und leben ebenso kärglich, wie die Fellachen. Wohl giebf es unter der jüdischen Bevölkerung auch wohlhabende Männer, die einträgliche Geschäfte haben, aber von denselben haben die armen Juden wenig zu gemessen und fühlen ihre Armuth um so stärker. Diejenigen, welche in ihren Holzhütten wenigstens einen Wohnraum gefunden hatten, dachten nicht daran, dass sie für so hinfällige Anwesen die Bauerlaubniss hätten einholen sollen, und waren daher sehr überrascht, als sie die Folge dieses Versäumnisses in so empfindlicher Weise erfahren sollten. Am 3. September k<m nämlich vom Jaffäthore her eine Abtheilung von ca. 30 Soldaten, worunter 10 Offiziere; si j drangen durch die kleine Eingangspforte in das Grundstück ein und stellten sich auf, während eine Anzahl von Fellachen anfing, von den vordersten Hütten einige mit Axthieben niederzuwerfen und in einen Trümmerhaufen zu verwandeln. Sogleich stürzten aus allen Hütten die Insassen heraus, 60—80 Weiber und dreimal so viele Kinder sammelten sich in der Mitte der Reihe der Hütten und erhoben ein lierzzerreissendes Geschrei, während die Männer in die Stadt eilten, um diesem Zerstörungsgeschäft womöglich ein Ende zu machen. Das Einschreiten der Gewalt soll, wie man hört, von einflussreichen Persönlichkeiten veranlasst worden sein, welche zum Bau der Hütten Geldvorschüsse gemacht und um ihr Recht zu wahren, die Sache vor das türkische Gericht geb acht hätten. Wie sich dje Sache in Wirklichkeit verhält, weiss man nicht, doch ist das Abbruchsgeschäft eingestellt und bis heute nicht fortgesetzt worden. (D. W. d. T.) Besuch einiger Schulen der Allgemeinen Israelit. Allianz (Alliance Israülite Universelle) in Marokko und Kleinasien. Von H. Joest in Berlin. (IV. Fortsetzung.*) Das elendeste Leben führen die Israeliten im Thale JVäd el-Abid. Der Gebrauch hat in dieser Gegend eine Strafe von 30 Francs für den Muselmann festgesetzt, welcher einen Juden tödtet: wenn er diese Summe dem Ssid des Getödteten entrichtet, so hat er keine weiteren Unangenehmlichkeiten!J Sobald die Juden etwas besitzen, nimmt man es ihnen. Da sie wie Thiere behandelt werden, sind sie selbst zu einer Art von Bestien geworden. Dieser Schlusssatz ist durchaus richtig. Die grosse Mehrheit der marokkanischen Juden steht, wie aber nicht anders erwartet werden kann, auf einer sehr niedrigen Kulturstufe. Das Judenviertel ist immer der schmutzigste Theil derselben. In Folge ihrer Armuth, dann wohl auch in Folge des erzwungenen engen Zusammenwohnens so vieler Menschen, verfallen die hübschen Judenmädchen vielfach, verhältnissmässig wohl mehr wie Mohammedanerinnen (?) dem Laster, und gar mancher Jude, der unter normalen Verhältnissen ein braver, solider Handwerker geworden wäre, wird zum Betrüger und Spitzbuben. Gerade die Israelitische Allianz ist es nun, welche diese Verhältnisse erkannt hat und die darum das Ziel der Emancipation, zumal aber der geistigen und sittlichen Wiedergeburt der Juden in’s Auge gefasst hat. Bei der gegenwärtigen Lage der Dinge in Marokko, wo jeder Mohammedaner sich einfach Alles gegen jeden Juden und gegen jede Jüdin, ebenso wie gegen jeden Christen und jede Christin, ungestraft erlauben darf, erfüllt die Israelitische Allianz neben ihrer freiwillig übernommenen Pflicht eine Kulturaufgabe, wenn sie diesen schmachvollen und unerträglichen Zuständen mit allen ihr zu Gebote stehenden Mitteln ein Ende zu machen trachtet; mit dem Beten allein für die Glaubensgenossen, „die unter dem Joche der Ungläubigen schmachten“, kann man deren Loos nicht besseen. Aber nicht durch Gewalt sucht die Allianz ihre, Aufgabe zu lösen; in den Schulen hat sie das Mittel erkannt, den Juden in Nordafrika Gelegenheit zu bieteu, sich aus ihrem Elend herauszuarbeiten — aus Parias Menschen zu werden. (Fortsetzung folgt.) Druck der Joh. Wirth’schen Hotbuchdruckerei (Oscar Lehmann) Mainz. ') S. Nr. 320.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.