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Der Israelit · 1889-12-02 · Heft 94 (2.12.1889) · page 11

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Journal
Der Israelit
Volume
30 (1889)
Issue
Heft 94 (2.12.1889)
Date
1889-12-02
Page
– (sequence 11)
Language
German
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1631 und Wehe der Gemeinden berathen, zu einer unumstößlichen herangebildet! Dennoch aber darf es nicht unversucht bleiben, mit Einwendungen hervorzutreten. Habe ich kürzlich erfolglos über die nicht bestehende „Krankenhaus-Ordnung" referirt, so muß ich heute abermals eine von der Verwaltung unbeachtet gelassene Einrichtung in Erwähnung bringen. Die hier bestehenden christlichen Herbergen sind für arme durchreisende jüdische Handwerker kaum anzuempfehlen. Referent will keineswegs in fortgesetzter Weise das Ansehen seiner Gemeinde herabbringen und erwartet daher, daß man auch diese Mittheilung einer sachlichen Darstellung oder Berichtigung werth zu halten Willens ist. *) Sachsen, vornehmlich Leipzig, ist die Hochburg der Antisemiten, die ihr Wesen überall treiben. Referent wurde vor wenigen Tagen von anderer Seite darauf aufmerksam gemacht, daß mehrfach die Verwaltung der hier bestehenden Herberge „zur Heimath" keine jüdischen Fremden aufnehme. Wie weit diese Angabe auf Wahrheit beruht, ist mir nicht möglich gewesen zu ermitteln. Da es die Aufgabe der Presse ist, sich genau zu unterrichten, so machte ich jüngst der neuen Herberge meinen Besuch. Die fremden Handwerksburschen waren gerade beim Abendgebet und sangen ein recht erhebendes Lied. So schön diese Einrichtung auch sein mag, so muß sie doch das Bewußtsein eines jüdischen Fremden unharmonisch berühren. Des Tages über macht auch der dienstthuende Stadtmissionär seine Besuche in der Anstalt, um den Fremden nützlich zu sein. Man sieht, daß der Staat wohl gesorgt hat. Jüngst besuchte mich ein älterer jüdischer Schneider aus Polen, der mehrere Tage angeblich in einer hiesigen Herberge Unterkommen gesunden hatte. Er beklagte sich bitter über die ihm zu Theil gewordene Behandlung. Referent will keine unerwiesenen Gerüchte verbreiten, aber er ist geneigt, den Angaben des armen Juden Glauben zu schenken. Wäre cs nicht die Pflicht der hiesigen Gemeindeverwaltung auch über das „Fremdenwesen" einmal nachzudenken? Die kleinsten Gemeinden in Deutschland waren praktisch genug, gerade die Armenpflege am vortrefflichsten zu organisiren, wogegen Leipzig, die erste Reformgemeinde in Deutschland, nichts wissen will, vom Vorhandensein erheblicher Mängel. Es ist hier vorgekommen, daß arme Juden thatsächlich lieber nicht um Unterstützung anhielten, als sie am Sabbat Abend die Oede im Gotteshaus bemerkten. Sie haben eben die Erfahrung gemacht, daß Reform-Gemeinden wenig Interesse für orthodoxe, arme Juden zeigen. Wenn nun die Gemeindeverwaltung über Mittellosigkeit klagt, für diese Angelegenheit etwas zu thun, so sage ich den Herren, sie sollen nur Muth haben und beispielsweise die hohen Ausgaben für Chorgesang abschaffen, so würde mit diesem großen Kapitale unendlich viel Gutes gethan .werden können und gleichzeitig würde die Reform so weit beseitigt sein, daß viele Inden zum Sabbat-Abend in die Synagoge gingen. Schließlich haben wir vier Cultusbeamte und zwanzig sogenannte „Synagogencommissäre", die viel Zeit haben, um einmal nach- Zusehen, wie es ihren mittellosen Glaubensbrüdern in den Herbergen geht. Das ist, wie man zu sagen pflegt, eigentlich selbstverständliche Menschen- Pflicht! Karl Wiesenthal. Oefterr. - Ungar. Monarchie. Prag. Noch hat die alte, den konservative« Standpunkt des Judenthums wahrende Gemeinde Nachod den schmerzlichen Verlust ihres Seelenhirte«, des sel. Kreisrabbiners I. Wiesner, nicht verwunden, als der Tod abermals eine Lücke unter den mj?n ’V’sn riß und den Schwager des Dahingeschiedenen, den edlen für das Judenthnm, dessen Glauben und Wissen begeisterten Samuel Schur noch im kräftigen Alter von 55 Jahren in ein befferes Jenseits abberies. Der Dahingeschiedene war nicht allein ein Forscher in der Gotteslehre, ein Pfleger und Förderer der jüdischen Literatur, er zählte auch zu den nwyn ’jwn, zu den wahrhaft gottesfürchtigen Männern, denen keine Mühe, kein Opfer zu groß ist, wo es gilt, die Gebote GotteS zu halten und Gottes Namen zu verherrlichen. Der reiche Mann scheute weder Beschwerde noch materielle Opfer, um als Mohel den Bund Abrahams zu erfüllen, reichlich spendete er den Armen und trat für das Gemeindewohl mit ganzer Seele und Hingebung ein. Er zählte nicht zu jenen Reichen, welche den Talmud mit einer «“usy 3’Dttn vergleicht, die gegen das Interesse unseres Glaubens sich kühl bis ans Herz zeigen. Der verehrte Oberrabbiner M. Hirsch verliert in ihm einen ergebenen Freund und Verehrer, wir sahen noch unlängst den kräftigen das Gepräge hoher Intelligenz in seinem Gehaben bekundenden Mann, als er in unserer Mitte weilte, um die Abschiedsrede unseres Oberrabbiners zu vernehmen uud sich von ihm zu verabschieden. Eigens deßhalb war er nach Prag gekommen und wehmüthig beschleicht uns der Gedanke, daß diese kräftige Gestalt, *) Referent bezweifelt dies.

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