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Der Israelit · 1889-12-02 · Heft 94 (2.12.1889) · page 1

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Journal
Der Israelit
Volume
30 (1889)
Issue
Heft 94 (2.12.1889)
Date
1889-12-02
Page
– (sequence 1)
Language
German
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XXX. Jahrgang. M 94. Israelit m» Jeschuran. ZMslhrist W LMrrinlg D. Geistes nun D. Kebrns in Hm. Geweindr und Kchnie. Gentrat-Hrgan für das orthodoxe Iudenthum. Herausgegeben von Br. Lehman» in Mainz. Montag, den 2. Dezember 5650 (1880). Leitende Artikel. Zur Schweizer Schächlfrage. Manchmal, mitten im heißen Kampfe, den man uns unter so nichtigen Vorwänden um unsere Schechita aufdrängt, hält man unwillkürlich inne, und möchte sich und der ganzen Zeit, in der wir leben, den Puls fühlen, um festzustellen, ob dies alles nicht vielleicht doch nur ein wüster, beengender Traum sei, weil seine Wirklichkeit doch zu ungeheuerlich ist. Wenn diese Vorwände wenigstens nur nichtig wären! Sie sind aber verletzend und beschämend, selbst wenn man sie einen Augenblick ernst nehmen könnte. Unsere religionsgesetzlich gebotene Art und Weise die Schlachtthiere zu tödten, soll eine Thierquälerei sein, ihre Untersagung aber, die uns den Genuß eines der unentbehrlichsten Nahrungsmittel unmöglich machen würde, wäre dagegen doch eine ganz zweifellose Menschenquälerei. Und nun vor die Alternative gestellt, ob man die Ochsen oder Juden quälen solle, entscheiden sich unsere Gegner ohne schamroth zu werden für die Aufrechterhaltung der Ochsenrechte, auf Kosten unserer primitivsten Menschenrechte, und sperren sich mit Aufgebot alles fanatischen Unverstands gegen die Wahrheit, daß wenn Ochsen Anspruch auf einen quallosen Tod haben, Menschen doch auch Anspruch auf ein qualloses Leben haben dürften, selbst wenn sie jüdische Menschen wären! Daß solche sich selbst richtende Bestrebungen, wenn sie auch nur von einer kleinen, rührigen Partei betrieben und künstlich gezüchtet werden, auch nur von Regierungen und Volksvertretungen debattirt und für einen Augenblick ernst genommen werden können, ist ein bedenkliches Symptom unserer Zeit, dessen bedeutungsvoller Ernst nicht verkannt werden sollte. Wenn hundert Jahre nach der Proklam der Menschenrechte ein solches Attentat aus dieh auch nur gewagt werden kann, dann mag ohne Rücksicht auf den augenblicklichen Erfolg Mißerfolg eines solchen Attentats, für alle rungenschaften der Freiheit der Gewissen, der re giösen Toleranz, ja selbst der wissenschaftlichen Forschung zittern, sobald sie einem verblendeten Fanatismus unbequem werden. Wir haben in der tausendjährigen Leidensgeschichte ^unseres Volkes, viel, sehr viel unter gehässiger Lieblosigkeit und unbesiegbarem Vorurtheil zu leiden gehabt, aber ein solcher Eingriff in unsere heiligsten Interne, mit der ganz unverblümten Motivirung, man müsse zur vermeintlichen Schonung der Thiere das Leben eines ganzen Volkes verkümmern, eine solche Ungeheuerlichkeit blieb unserer Zeit Vorbehalten. So schmerzlich nun solche Erfahrungen auch sind, so wäre es doch Unrecht, über all dem Trüben und Herben die Weisung unserer großen Altvorderen unbeachtet zu lassen, welche uns lehrt, gerade aus den bittersten Erscheinungen des Lebens den süßen Kern herauszuschälen und über den düsteren Schatten, nicht die leuchtenden Sterne zu übersehen, die um so glänzender strahlen, je tiefer sich die Nacht um sie lagert. Unter diesen herzerhebenden Momenten greifen wir als das erste And naheliegendste die Thatsache heraus, daß doch im Großen und Ganzen alle diese brutalen Auswüchse eines vernunftwidrigen Thierkultüs und eines schlecht verhüllten Judenhasses, G. f. D. an dem gesunden Sinn aller maßgebenden Faktoren einen Widerstand gefunden haben, der von Tag zu Tag erstarkt. Auch da, wo die Feinde religiöser Toleranz und wissenschaftlicher Forschung einen augenblicklichen Erfolg zu verzeichnen haben, wie in einigen Kantonen der Schweiz, ist mit Sicher-

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