Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 30 (1889)
- Issue
- Heft 92 (25.11.1889)
- Date
- 1889-11-25
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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1600 in seinem 50. Jahre, da die treue Mutter das 75. erreicht hatte, schrieb er an den berühmten Spalding, seinen Freund: „So habe ich denn den größten Theil meiner zwar etwas beschwerlichen Laufbahn in einer so guten und mich so sehr unterstützenden Gesellschaft verleben können." Die zärtliche Mutter des jungen Garde hatte früh wohl eingesehen, daß ihr geliebter, am Körper sehr schwächlicher Sohn stets ihrer sorgsamsten Obhut und Pflege bedürfen würde. Deßwegen hatte sie ihn, so viel nur irgend möglich, immer in ihrer Nähe zu halten gesucht. Garde wollte sich dem geistlichen Stande widmen und besuchte die Universität Halle. Es wies sich aber bald aus, daß er viel zu schwächlich war, um je ein öffentliches geistliches Amt bekleiden zu können. Er setzte sich also ein anderes schönes, und nachmals von ihm vollkommen erreichtes Ziel, nämlich dieses: als ein Lehrer der Weisheit durch Schriften für die Welt nützlich zu werden. Und um ihn zu einem weisen, frommen, zugleich aber auch angenehmen Schrfftsteller für Alle, welche das Schöne und Gute lieben und suchen, zu bilden, welch einem Lehrer, welch einem Meister führte ihn hier abermals die sorgsame Mutter zu! Wir dürfen nur den Namen Gellert nennen, und brauchen nichts weiter hinzuzufügen. Auf Bitten der Mutter nahm nun auch der gute Gellert den Jüngling zu sich in's Haus, und dieser verlebte hier in Leipzig mit großem Gewinn für sein Herz und seinen Geist einige glückliche Jahre im Umgänge mit ihm, Weiße und Zollikofer. Dann rief ihn die Mutter 1767 wieder zu sich nach Breslau zurück, und der gehorsame Sohn machte sich sogleich reisefertig. „Ich überliefere Ihnen endlich (schrieb,Gellert an die Mutter) Ihren Sohn, den ich gern noch länger hier behalten hätte, da ich ihn vorzüglich liebe und hochschätze und an seinen Umgang gewöhnt bin. Ich will nur wünschen und beten, daß Gott diesen Ihren Sohn, dem Er ein gutes und frommes Herz, große Talente und eine sorgfältige Erziehung geschenkt hat, in seinem ganzen Leben mit seiner Weisheit und Gnade regieren, und ihn in denjenigen Stand, in das Amt setzen wolle, worin er das meiste Gute stiften, die Ehre Gottes am meisten verherrlichen, und also am glücklichsten sein kann." Bei Gellert lernte der junge Garve auch die Juden und ihre Geschichte kennen. Er, der fromme, gottesfürchtige Jüngling hing mit heißer Liebe an der heiligen Schrift, und hatte er früher in seiner Jugend keine ganz hohe Meinung von den Juden, so liefert doch ein Schreiben, welches er an Gellert sandte, die Beweise, wie richtig der große Gellert seine Ansicht über die Juden ausgesprochen, so daß er, Garve, diese Ansicht vollkommen für richtig befand. Garve schreibt: „Theurer, hochgeschätzter Herr Professor! „Ich erinnere mich niemals der Stunden, die ich bei Ihnen zubrachte, ohne Gott dafür, als für die glücklichsten meines Lebens zu danken. In Wahrheit! das Herz und die Gesinnungen eines vortrefflichen Mannes haben einen gewissen Eindruck auf die, welche das Glück haben, mit ihm umzugehen; und auch ohne seine Lehre ist schon die Hochachtung, die sie für ihn haben, und sein Beispiel stark genug, sie ihnen einzuflößen. Ja, theuerster Herr Professor, wenn ich damals über Israel so unwürdig dachte, sprach und schrieb, so bitte ich das nicht für schlecht und unedel zu halten. Möge Sie doch Gott dadurch belohnen, daß Er Ihnen noch viele Gelegenheiten schenkt, ähnliche Wohlthaten zu erzeigen und die oftmals unwissende Jugend dahin zu belehren, daß sie alle Völker, Glaubensgemeinschaften achten, verstehen lerne. Nichts hat so tief mein Gemüth beschäftigt, als die Leidensgeschichte der Juden! Lehret nicht das Christenthum: Strebet nach der Liebe! Wie versteht man das? Liebe nur unter Christen? O, die Menschheit ist noch weit vom Reiche Gottes entfernt! Ich liebe Israel um seiner Leiden, feiner heiligen Treue zu Gott willen!"- Mögen die Geständnisse Garves uns darüber aufklären, daß wahrhaft große und edle Geister nie unsere Gegner waren, sondern das Unglück unseres Volkes erkannten und das Vorurtheil gegen uns beklagten! Freitag, 29. Nov.. 6. Kislew. Samstag, 80. Nov., 7. Kislew Njn Sabbat-Ausgang 4 Uhr 55 Min. (Mainzer Uhr) Berichtigung. In dem dem sel. Rabbi Sal. Ettenheimer b"i»7 gewidme ten Nachrufe wird irrthümlich mitgetheilt, daß Herr S. Ansbacher von Fürth sei; derselbe ist Religionslehrer und Prediger der orthod. isr. Vereinigung in Nürnberg.