Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 30 (1889)
- Issue
- Heft 83 (24.10.1889)
- Date
- 1889-10-24
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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1427 IX. Auf der Landstraße, die von Jspahan nach Teheran führt, zog ein einsamer Wanderer in der Tracht eines arabischen Kaufmannes dahin. Die Sonne sandte ihre heißen Strahlen hernieder, und der Wanderer schien schier verschmachten zu wollen. Dennoch gönnte er sich keine Raft. „Ich muß aushalten," sprach er vor sich hin, „bis ich den Wald erreiche, der dort in der Ferne sich zeigt. Da kann ich mich verbergen, da werde ich wohl eine Wasserquelle finden, die mir den erquickenden Trunk spendet, nach welchem meine Seele lechzt. Wer weiß, vielleicht läßt der König mich verfolgen, und hier auf der Landstraße gibt es kein Entkommen. Wie die Sonne so heiß brennt! Mein Kopf schmerzt mich. Wenn mich nur kein Sonnenstich trifft! Meine Augen hebe ich empor zu den Bergen — woher soll Hilfe mir kommen? Meine Hilfe kömmt von dem Ewigen, dem Schöpfer des Himmels und der Erde. Nicht wird Er wanken lassen deinen Fuß, immer wacht dein Beschützer. Siehe, niemals wird schlummern oder schlafen der Hüter Israels. Der Ewige ist vein Hüter, der Ewige ist dein Schatten, Er steht zu deiner Rechten, so daß bei Tage die Sonne dich nicht verwunden wird, daß du keinen Schaden nimmst in den mondhellen Nächten. Der Ewige wird dich behüten vor allem Bösen, Er wird schützen deine Seele. Der Ewige wird behüten dein Gehen und dein Kommen von nun an bis in Ewigkeit." Nachdem Rabbi Elieser Aschkenasi, denn er war der einsame Wanderer, so gesprochen hatte, fühlte er sich wunderbar gestärkt. Rüstig schritt er dem Walde zu, dem er immer mehr sich näherte. Endlich hatte er den Saum desselben erreicht und genoß mit großen Athemzügen die kühle, balsamische Luft, die ihm entgegenströmte. Er drang, so gut es möglich war, in das Dickicht ein und hörte endlich in der Ferne das Pletschern einer Quelle. Bald hatte er diese aufgefunben und erquickte sich an dem kühlen, klaren Wasser des Bächleins. Dann wusch er sich die Hände, nahm aus einem Säckchen, das er mit sich führte, Brod und Datteln. Wie schmeckte ihm das einfache Mahl! „Gott, mein Gott," sprach er, „wie kann ich Dir genug danken, daß Du mir bis hierher geholfen, Du wirst mich auch ferner nicht verlassen." Nachdem er sich gesättigt und das Tischgebet gesprochen hatte, warf er sich in das Gras nieder und entschlief sofort; denn er war todtmüde, die ganze Nacht hatte er auf der Wanderung zugebracht. Plötzlich fühlte er, daß ein kalter Gegenstand sein Gesicht berührte. Rasch griff er nach demselben und schleuderte ihn weit fort. Es war eine Schlange, die über ihn hatte wegkriechen wollen. Rabbi Elieser sprang in die Höhe. „Wie unvorsichtig," rief er aus, „daß ich mich hierher gelagert! Ohne Gottes wunderbaren Schutz wäre ich im Schlafe dem Tode verfallen gewesen." Er blickte sich um. Schon stand die Sonne tief am Horizonte; nur noch kurze Zeit, und die Nacht würde sich herniedersenken. Jetzt galt es, den Weg aus dem Dickicht zu finden und die Landstraße wieder aufzusuchen. Rabbi Elieser überlegte, wohin er sich wenden sollte. Seine Eilfertigkeit, die Quelle aufzusuchen, sein Leben durch einen frischen Trunk zu erhalten, hatte ihn versäumen lassen, die Richtung zu merken, aus der er gekommen war. Er irrte umher und konnte den Ausgang nicht finden. Schon war die Sonne am Horizonte verschwunden, und plötzlich, wie es in den heißen Ländern zu geschehen pstegt, trat die Nacht ein. Die Nacht im Walde, ohne Feuer, ohne Begleiter, ohne Waffen — das war der Tod. Wie sollte er vor den wilden Thieren sich schützen, vor Löwen und Tigern, vor Wölfen und Schakalen, vor Schlangen und Skorpionen? „Ach," seufzte der Unglückliche, „wäre ich doch lieber im Königspalaste geblieben und hätte dort ruhig den Tod erwartet! In Deine Hand befehle ich meinen Geist, Du kannst mich befreien, Ewiger, Gott der Wahrheit!" Nicht vergeblich hatte er Gottes Hilfe angerufen; in der Ferne erschollen Stimmen, menschliche Stimmen. Wer ober haust bei Nacht in dem schrecklichen, finsteren Walde? Wenn es Räuber sein sollten? Immerhin bester in die Hände von Menschen zu fallen, als von wilden Thieren zerrissen zu werden. Vielleicht regt sich Erbarmen selbst in den Herzen der Räuber. Rabbi Elieser ging dem Schalle der Stimmen nach, und bald erblickte er ein großes Feuer, welches die Lagerstätte von Menschen umgab. „Lasset mich," rief er, als er in die Nähe gekommen war, den Männern zu, „lasset mich Theil