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Der Israelit · 1889-10-24 · Heft 83 (24.10.1889) · page 1

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Journal
Der Israelit
Volume
30 (1889)
Issue
Heft 83 (24.10.1889)
Date
1889-10-24
Page
– (sequence 1)
Language
German
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XXX. Jahrgang. M 83. Israelit «> Jeschmu n. Atttslhüst jur FördklW D. Gristrs und W. KkbtLS ill Mus. Gkllieilldr Lid KlyLit. Gentral-Hrgan für das orthodoxe Iudenthum. Herausgegeben von vr. Lehma«» in Mainz. Donner st «g, de« 24. Oktober 5649 (1889). Leitende Artikel. VereK Schirafi. Mainz, 21. Oktober. II. In vielen Stellen der heiligen Schrift, des Talmud und des Midrasch wird es uns ans Herz gelegt, daß wir durch die Betrachtung der Natur nicht nur den Ruhm und den Preis des Schöpfers erkennen, sondern auch Recht und Gerechtigkeit lernen können. So heißt es (Jjob, Cap. 35, V. 11): uaan» D’Dtpn pppvi ,p« monao ub*?d. „Er belehrt uns durch die Thiere der Erde, und durch die Vögel des Himmels macht Er uns weise." Anknüpfend hieran belehren uns unsere Weisen im Traktat Erubin (100 d), daß, wenn die Thora nicht gegeben worden wäre, wir Recht und Gerechtigkeit, Sitte und Sittlichkeit durch die Beobachtung der Thiere und Vögel hätten lernen können; nicht etwa, daß die Thiere und Vögel klüger, weiser, sittlicher, rechtlicher sind als die Menschen, aber jedes einzelne Geschöpf hat seinen besondern Endzweck und ist in dAteinen oder der andern Beziehung hervorragend und vermag es deßhalb, uns nach der ihm eigenthümlichen Richtung hin zu belehren. In dieser Beziehung ist der Perek Schirah für uns im höchsten Grade belehrend. Die den einzelnen Geschöpfen gleichsam in den Mund gelegten Worte, meistens Citate aus der heiligen Schrift, weisen ans diese besondere Eigenschaft hin, und unsere Ausgabe ist es, den angedcuteten Gedanken herauszufiuden, für uns nutzbar zu machen und ihn thatsächlich zu bewähren. So sind auch die Aussprüche der Weisen aufzufassen, daß derjenige, welcher sich mit dem Perek Schirah täglich beschäftigt, der ewigen Seligkeit sicher sein darf. In dem dargelegten Sinne ist Perek Schirah ein ungemein kurz gefaßtes, aber überaus inhaltreiches Lehrbuch des Glaubens, der Sitte, der Tugend und der Rechtlichkeit. Wer diese Lehren herausfindet und sie in Gedanken, Reden und Thaten bewährt, der wird ein vollendeter Mensch, ein wahrhaft Gottesfürchtiger, ein Musterbild der Tugend, der Redlichkeit und Frömmigkeit; er darf also der ewigen Seligkeit sich versichert halten. — In ähnlichem Sinne haben^wir es aufzufassen, daß unser Vater Abraham aus sich selbst, bevor ihm noch die göttliche.Offenbarung zu Theil wurde, die Gotteserkenntniß erlangte. Es war die Betrachtung und richtige Erfassung der Natur, die Betrachtung und richtige Erfassung der Bedeutung der einzelnen Geschöpfe, was ihn weise machte, was ihn sein Leben zu einem reinen und gottgefälligen gestalten ließ. Einer der Hauptgrundsätze unserer heiligen Religion ist — mit diesen Worten beginnt Rabbi Moscheh Jsserlis seine Anmerknngen zum Schulchan Aruch — Ton nnb 'i w» „ich stelle den Ewigen mir stets gegenüber; denn anders ist des Menschen Benehmen, wenn er sich allein glaubt oder nur von den Mitgliedern seiner Familie umgeben ist, wie wenn er sich in der Nähe des Königs weiß, des großen Königs, dessen Herrlichkeit die ganze Welt erfüllt." — Wenn es sich nun der Mensch durch jedes einzelne Gottesgeschöpf zum Bewußtsein bringt, zum lebendigen Bewußtsein bringt, daß die Herrlichkeit Gottes die ganze Welt erfüllt, so wird das ganz anders wirken als der bloße, blasse Gedanke. Ihm verkündet die Gegenwart Gottes der Ruf des Hahns, das Girren der Taube, der Anblick des Himmels, der Luftzug, der seine Wange streift, der Sonnenstrahl, der auf ihn herniederfällt, der Regentropfen, welcher seine Hand netzt, das Bellen des Hundes, das Zwitschern der Vögel, das Blöken

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