Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 30 (1889)
- Issue
- Heft 80-81 (8.10.1889)
- Date
- 1889-10-08
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
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xxx. J-Hrgang. Erste Beilage;u M 80 & 81 ürs „Israelit" L „Iefchurun". Leitender Artikel. Ein Wert »der Wissen und s-eriell iider nainr- MssrusttzlisMlht AnliyMMtzkn fies Wkilthms von Dr. med. Marcus Hirsch, prakt. Arzt in Frankfurt a. M. (Fortsetzung.) Was ferner das weite Gebiet der Jurisprudenz betrifft, so war es zu erwarten, daß die Prinzipien derselben in einem Gesetzcodex, der ein vollkommen entwickeltes Staatsleben im Auge hatte wie es das jüdische vor seinem Verfalle war, auch in erschöpfender Weise ihre Ausführung gefunden haben mußten. Bildet dieser Codex .doch noch bis auf den heutigen Tag in vielen Kreisen des Volkes, wo rmn p besteht, die Basis der Rechtsprechung im Civilprozeß. Und in der That hat auch das jüdische Oorpus juriZ, was Ausführlichkeit und Gründlichkeit in Behandlung der weitverzweigten Materie, was Schärfe der Logik, was Consequenz in Verfolgung der allgemeinen Rechtsprinzipien bis tn"bie feinsten unscheinbaren Ausläufer betrifft, den Vergleich mit keinem der vielbändigen Gesetzbücher zu scheuen, aus welchen die heutige Rechtssprechung basirt. An Wahrheit der ihm zu Grunde liegenden Principien dürfte es, als vom Urquell alles Rechtes stammend, von keinem menschlich construirten Rechtscodex erreicht werden. Man kann kühn behaupten, daß ein im jüdischen Civil- und Criminalrecht wie es im Talmud enthalten ist gründlich bewanderter Gelehrte, an juridischer Schärfe, an consequenter Anwendung der Gesetzesparagraphen es mit jedem Gerichtspräsidenten der Jetztzeit aufnehmen kann, der die üblichen Semester auf der Universität absolvirt und während seiner Studienjahre seinen Durst nicht blos in den Hörsälen der Wissenschaft gestillt hat. Auch auf natur wissenschaftlichem Gebiete im weitesten Sinne des Wortes enthält der Talmud eine Fülle von Kenntnissen, die sehr wohl dazu dienen konnten, einer populären Bildung auch auf diesem Gebiete Vorschub zu leisten. Von einem sehr wichtigen Fache, das wohl den Grundpfeiler der gesammten Medici« der heutigen Zeit bildet, läßt sich der strikte Beweis führen, daß der Talmud darin seiner Zeit um mehr als anderthalb Jahrtausend voraus war. Es findet sich nämlich ein ganzes System werthvoller pathologisch-anatomischer Kenntnisse schon vor mehr als 1800 Jahren im Talmud, während diese Disciplin noch vor 150 Jahren vollkommen unbekannt war, und erst in unserm Jahrhundert ihre Bearbeitung in der heutigen Medicin gefunden hat. Es ist hier nicht der Ort näher daraus einzugehen. Bemerken wollen wir nur, daß diese Studien den klarsten Beweis der gründlichen, auch einem Anatomen der Jetztzeit zur Ehre gereichenden Forschungen der alten sogenannten Rabbinen aus einer Zeit liefern, wo noch kein Mensch daran dachte die Veränderungen zu untersuchen, die die Organe durch Krankheiten erleiden und. den Einfluß auf größere oder geringere Lebensgefahr zu studiren, die sie bedingen.l) Auch sonst findet sich eine reiche Fülle medicinischer Kenntnisse im Talmud, die natürlich dem Standpunkt der damaligen Medicin entsprachen und nur in hygyeinischer Beziehung ihrer Zeit voraus waren. Bemerkt doch auch der schon oben citirte Michelet, daß imganzen Mittelalter es fast nur die Juden waren, in deren Regime die Reinlichkeit und andere hygyeinische Punkte Beachtung fanden. Worin aber das Judenthum einzig dasteht, ist die Großartigkeit, die Tiefe, und vor allem die Wahrheit naturwissenschaftlicher Anschauun- 1) Diese pathologisch-anatomischen Forschungen gewinnen dadurch noch ein erhöhtes actuelles Interesse, als sie einer Institution angehören, die, bei den Juden schon seit Jahrtausenden obligatorisch, erst jetzt allgemein eingeführt werden soll. Die Nothwendigkeit und Ersprießlichkeit einer gründlichen Fleischschau tritt nämlich immer mehr zu Tage, je mehr die Erkenntniß Platz greift, daß gewisse und dabei verheerende Krankheiten dem Genüsse ungesunden Fleisches ihren Ursprung verdanken. Bei der jetzt angestrebten gesetzlichen Regulirung wurde schon öfters auf die bei den Juden seit Jahrtausenden eingeführte gründliche Fleischschau als mustergiltig hingewiesen. Man hat auch schon längst, und in letzter Zeit noch vielmehr, die geringere Sterblichkeit unter den Juden auf diese Fleischschau als einen Hauptgrund zurückführen wollen. So will ein englischer Hospitalarzt, Drysbale, (The medical News, 8. Mai 1889) durch Vergleichung von Journaldaten, für London ein auffallend geringeres Erkrankungsverhältniß der Juden an Lungenschwindsucht constatirt, und dies auch anderseits bestätigt gesunden haben. Er fülrt diese, für eine so ettÜn verbreitete Krankheit doppelt bemerkenswerthe, Thatsache auf die hauptsächlich durch die Fleischschau bedingte größere Peinlichkeit der Juden bei der Auswahl ihrer Speisen zurück. In der That wird ja durch die strenge jüdische Fleischschau der grüßte Theil schwindsüchtigen Viehes als trefo vom Genuß ausgeschlossen.