Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 30 (1889)
- Issue
- Heft 80-81 (8.10.1889)
- Date
- 1889-10-08
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
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1387 die ganze zwischen damals und jetzt gelegene Trauerzeit erschien ihm wie ein Traum. Der König wartete schon in seinem Gemache und trat dem Eintretenden freundlich entgegen. „„Ich hoffe,"" sprach er, „„daß Du meinen Wunsch erfüllen wirst."" „Mein Herr und König," antwortete Rabbi Elieser, „im Vertrauen auf den allmächtigen Gott, den Schöpfer des Himmels und der Erde, will ich mich der schweren Aufgabe unterziehen, Dir helfend und rathend zur Seite zu stehen." „„So sage mir sogleich, was ich thuu soll?"" „Du mußt Dich auf die Seite Deines Volkes stellen und vor allen Dingen die Verbrecher bestrafen." „„Die Männer, die Du Verbrecher nennst, sind Deine Feinde."" „Fern liegt mir jeder Gedanke an Rache oder Vergeltung. Nur Dein Wohl, o König, und das Wohl dieses Landes habe ich im Auge, bei dem Rathe, den ich Dir ertheile. Du mußt Mustapha und seinen ganzen Anhang vernichten, wenn Du Dich sicher fühlen willst auf dem Throne Deiner Väter. Jene Schurken, die vor einem Königsmorde nicht zurückschreckten, werden wiederum einen solchen begehen, sobald sie meinen, daß ihr Vortheil es so erheischt. Du hast ein Tribunal eingesetzt, welches die Angelegenheit untersuchen soll. Lasse alle diejenigen vor dieses Tribunal fordern, die Mustapha zu seiner Entlastung angerufen hat. Sie alle sind seine Mitschuldigen. Laß sie sofort verhaften und gut bewachen. Der Gerichtshof aber soll frei und unbeeinflußt sein Urtheil fällen. Bestimmt er den Angeklagten den Tod, so mußt Du sie sofort hinrichten lassen. Spricht er sie frei, so sollen sie dennoch als politisch Verdächtige in strengem Gewahrsam bleiben. Nachdem Du Dich so vor den innern Feinden Deines Thrones gesichert hast, dann sammele Deine Heere und ziehe den Feinden an den Grenzen Deines Reiches entgegen. Du selbst mußt der Anführer sein im Kriege, um den Muth Deiner Soldaten zu beleben, und der allmächtige Gott wird Dir den Sieg verleihen." „„Göttliche Weisheit spricht aus Dir, Du einstiger Liebling meines unglücklichen Vaters. Du selbst sollst alle diese Anordnungen treffen, denn ich bekleide Dich wiederum mit dem Amte meines Großveziers."" Rabbi Elieser verneigte sich. Der König setzte ein silbernes Glöckchen, das auf dem Tische stand, in Bewegung, und herein traten die Diener, um die bereitgehaltenen Insignien seines Amtes dem neuen Großvezier zu überreichen. Dieser entfaltete sofort eine stauneuswerthe Thätigkett. Er gab den Befehl zur Verhaftung all' jener Großen des Reichs, deren Namen der König ihm nannte. Dann ließ er den Gerichtsschreiber kommen, um gegen jeden Einzelnen die Anklageschrift aufzusetzen. Das vom Könige eingesetzte Tribunal mußte sich sofort versammeln und seine Thätigkeit beginnen. Mustapha wurde vorgeführt. Ihm trat der neue Großvezier als Ankläger gegenüber. Er beschuldigte ihn der Fälschung der Briefe, die Rabbi Elieser angeblich zum Theile geschrieben, zum Theile empfangen haben sollte. Mustapha leugnete jede Schuld. Er wurde abgeführt, und sein Geheimsecretär mutzte vor dem Gerichtshof erscheinen. Es bedurfte kaum der Mahnung des obersten Richters an den Zeugen, die Wahrheit zu sagen. Am ganzen Leibe zitternd, unter Thränen für sein Leben flehend, bekannte derselbe, daß er die fraglichen Briefe geschrieben. „Mich trifft keine Schuld", rief er jammernd; „ich habe nur den Befehl meines Herrn vollzogen. Er hätte mich gemordet, wenn ich mich geweigert hättet Ich flehe Euch an, schonet meines Lebens und verurtheilt mich nicht zum Tode." Mustapha wurde wieder hereingeführt und seinem ehemaligen Geheimsecretär gegennbergestellt; dieser wiederholte seine Aussage. Mustapha aber sprach stolz: „Es ist unter meiner Würde, auf die Beschuldigung dieses feilen und erkauften Sklaven zu antworten." Nun mußte der Derwisch vor dem Gerichtshöfe erscheinen. „„Ich bin ein großer Sünder,"" sprach dieser, „„und sehue mich darnach, durch meinen Tod mein großes Verbrechen zu sühnen. Ich habe das Gift bereitet, durch welches der Beste der Könige seinen Tod gefunden hat. Zu mir kam Mustapha und sprach: „Ich weiß, daß Du ein geschickter Mann bist, der Gifte bereiten kann, die den Speisen und Getränken beigemischt, denselben weder einen besonderen Geschmack noch einen besonderen Geruch verleihen. Gib mir ein solches Gift. Es ist für den Juden bestimmt, der durch allerlei Zaubermittel unseres Königs Herz bethört hat, unser Land beherrscht und die Gläubigen unter seine Füße tritt. — Ich gab ihm das Gift, das er verlangte. Als ich nachher hörte, daß unser König durch Gift gestorben und man den Inden beschuldigte, den tödtlichen Trank seinem Freunde und Wohlthäter gereicht zu haben, da wurde es mir klar, daß Mustapha der Königsmörder und ich sein Helfershelfer gewesen."