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Der Israelit · 1889-09-12 · Heft 73 (12.9.1889) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
30 (1889)
Issue
Heft 73 (12.9.1889)
Date
1889-09-12
Page
– (sequence 9)
Language
German
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XXX. Jahrgang. Erste Beilage ju j$73 öes„3srnclitw&,Jerdjurun“. Leitender Artikel. Aus dem Machsor für di- LI'i-NILN B'I2' von Bezirks - Rabbiner vr. Ehrmann in Baden (Schweiz). V. Von Gottes unnahbarer, unerfaßbarer Höhe, mit deren Schiderung unser Machsor einleitet, geleitet uns dasselbe immer tieferund tiefer hinab bis in unseren eigenen Kreis, aus dem wir uns zu Ihm erhoben haben. Wir sehen den Thron auf Wahrheit gegründet und aus Liebe gewoben, auf dem der Weltenkönig, als Richter, Ueberführender, Kundiger und Zeuge sein Weltengericht hält. Sehen das Buch der Erinnerung sich öffnen, das sich selber liest und in dem die Menschenhand jede verübte That durch die eigene Schrift bestätigt. Es zittern die Himmelsschaaren beim Hall des großen Welten- Schofar, denn sie fürchten den Tag des Gerichts, weil sie sich vor Gottes Richterblick nicht schuldfrci wissen. Die Menschheit erscheint als die große Heerde, die heute vor ihrem Hirten zur Musterung vorüberzieht. Jedes einzelne Glied, jedes lebende Wesen schreitet vorbei, wird gebucht, gezählt, gemustert, jedem Geschöpf wird sein Bestimmtes zugemessen und der Urtheilsspruch verzeichnet. Am Nosch Haschono wird niedergeschrieben und am Jom Kippur besiegelt: wie viele aus dem Leben und wie viele in das Leben treten werden, wer am Leben bleiben, wer sterben wird, wer zur Zeit, wer vor der Zeit, wer durch Wasser, wer durch Feuer, wer durch Schwert, wer durch Gewild, wer durch Hunger, wer durch Durst, wer durch Sturm, wer durch Krankheit, wer erdrosselt oder wer durch Steinigung sterben wird; wer in Ruhe, wer in Unruhe leben wird, wem ein friedliches, wem ein zerrissenes, wem ein sorgenloses, wem ein leidvolles Dasein , wem Armuth, wem Reichthum, wem Erniedrigung, wem Erhöhung beschieden ist. Das sind Momente, denen gegenüber der Götze des Tages, der sogenannte und selbst der wirkliche Fortschritt der Zeit in seiner vollendeten Ohnmacht erscheint. Nicht auf den Fortschritt, auf den Rückschritt, den redlichen Vorsatz aufrichtiger Rückkehr zu Gott und seinem Gesetz, rown, auf die Bitte um Kraft zur Ausführung dieses Vorsatzes nbsri und auf seine treue Verwirklichung durch die That, np-rc, verweist daher mit Frakturschrift unser Machsor als auf die Talismane zum Schutze gegen die Wechselfälle des Lebens. Mag auch das Berhängniß weiter über uns walten, es waltet.nicht mehr blind, es hat seinen Stachel und damit jedes Weh mun yn verloren, sobald wir diesem Ruf zur Rückkehr Folge leisten. Denn er führt uns zu Ihm, der tu der That die Liebe übt, welche sein Name haucht, der schwer zu erzürnen und leicht zu besänftigen ist, der nicht den Tod selbst des bereits dem Tode Verfallenen will, sondern die Rückkehr vom verfehlten Wege ins neu zu gewinnende Leben; der dis zur Stunde des Todes auf diese Rückkehr wartet, und sie selbst dann noch annimmt. Wie schrumpft vor dieser Liebesgröße des Vaters zu seinem Kinde, des Schöpfers zu seinem Geschöpfe, Gottes zum Menschen dieser in Wahrheit in sein schattenhaft, traumartig dahinhuschendeS Nichts zusammen. Sein Anfang Erde, sein Ende Erde, sucht er mit dem in ihm glimmenden göttlichen Funken — Brodl Und wie erscheint im Vergleich zu diesem abhängigen, menschlichen, sterblichen, hinfälligen Schattendasein, der Lenker unserer Geschicke als ,'n ,^d, Q’pi in feiner Königsmajestät und Allmacht, die alles Leben spendet und erhält! Unter dem Fittig dieser schirmenden Gottesliebe, findet der zerbrochene Scherben Schutz gegen die in Atome zertretenen gigantischen Naturmächte, der vetrocknete Grashalm wird wieder belebt, die welke Blüthe erhält ihren Glanz wieder, der vorbeiflatternde Schatten nimmt feste Form an, die zu schwinden drohende Wolke, schwindet nicht, der verwehende Hauch, der davonwirbelnde Staub, schwindet und wirbelt nicht davon, der verfliegende Traum verfliegt nicht, sondern wird Wirklichkeit. Alle trotz ihrer Winzigkeit und Vergänglichkeit zählen zu den zahllosen 11120 nna-io Trägern der Gottesherrlichkeit, alle erheben sich aus der Erdentiefe, wie die Himmelschöre in der Höhe, um Gott den Zoll ihrer Huldigung mit heiliger Verehrung entgegen zu bringen. — ntynp. ■jttfHpo ’ü denn aus diejenigen, die sich zu Gottes Helligkeit preisend erheben, fällt ein verklärender Strahl dieses Heiligkeits-Ideals zurück. Daß es schwache, hinfällige ftaubgeborene Wesen gibt, die sich zu dieser Gottesheiligkeit emporringen und

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