Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 30 (1889)
- Issue
- Heft 73 (12.9.1889)
- Date
- 1889-09-12
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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12 81 und Gebotenen mich überkommen und mit tiefster Demuth und mit unaussprechlicher Wehmuth erfüllt hat. Aus diesem Gefühl reiste in meiner Seele der Entschluß, deni an mich ergangenen Beruf der altehrwürdigen Hamburger Gemeinde, wo ein empfänglicher Böden der frischen Saat harret, zu folgen. Mit einem Herzen voll Rührung und unaussprechlicher Ergriffenheit nehme ich Abschied von der Stätte, die mich so hoch geehrt, von der hochgeehrten Repräsentanz, die mich mit ihrem unschätzbaren Vertrauen auszeichnete, von den Synagog.-Vorstehern, die mir sv viel Wohlwollen bezeugten, von den ehrsamen Gemeindemitgliedern, den Anwesenden und den Abwesenden, von Euch Allen, meine Brüder und Schwestern. Kaövi Mieser AschKenasi. ii. Es war in einer wundervollen Sommernacht. Der Vollmond beleuchtete die herrliche Landschaft. Der Großvezier befand sich auf seinem Landgute, um von der Last der Regierungsgeschäfte auszuruhen, um neue Kräfte zu sammeln. Die milde, schöne Nacht hatte ihn bewogen, sein Landhaus'zu verlassen und die kühle, reine Luft im Freien zu genießen. Ein reißender Bergstrom, der mit gewaltigem Tosen von den Bergen herntederkam, durchzog den Garten. Aus der Brücke, die über ihn führte, stand Rabbi Elieser, die balsamische Luft mit vollen Zügen in sich aufnehmend. Große Erfolge hatte er in der jüngstverflossenen Zeit erzielt. Durch seine Klugheit war es gelungen, mächtige Feinde, die das Land bedroht hatten, fernzuhalten und dem Reiche den Frieden zu bewahren. Der König war voll Bewunderung ob der Klugheit und der Thatkraft seines Ministers und hatte das Füllhorn seiner Gnade über ihn ausgeschüttet. Rabbi Elieser fühlte sich so wohl, so glücklich! Ihm war ein Wirkungskreis erblüht wie einst dem Joseph in Egypten, dem Mordechai in Schuschan, dem Rabbi Samuel Hannagid in Granada. — „Diesen Rabbi Samuel," so sprach er vor sich hin, „will ich mir zum Vorbilde nehmen. Nachdem ich jetzt festen Fuß in Persien gefaßt, will ich daran gehen, die Lage meiner Glaubensbrüder zu verbessern, das schwere Joch der Knechtschaft von ihren Schultern zu nehmen, nicht allein in diesem Lande, sondern in allen benachbarten und befreundeten Reichen, auf deren Regierungen ich Einfluß zu gewinnen vermag. Dann soll die Hauptstadt des persischen Reiches zugleich die Hauptstadt der jüdischen Wissenschaft, Gelehrsamkeit und Dichtkunst werden. Von allen Enden der Erde will ich sie herbeirufen, die großen Kenner des Talmuds, die Forscher in der jüdischen Religionsphilosophie, die Grammatiker, die Dichter, die Mathematiker, die Astronomen. Eine hebräische Druckerei will ich einrichtcn lassen, um meine Glaubensbrüder auf dem weiten Erdenrunde mit unseren heiligen Büchern zu versorgen. In dieser Beziehung werde ich es leichter haben als Rabbi Samuel in Granada. Er mußte die Bücher abschreiben lassen und konnte daher für vieles Geld nur wenige Exemplare beschaffen. Die herrliche Erfindung der Buchdruckerkunst wird mich in den Stand setzen, Hunderttausende mit unseren heiligen Büchern zu versorgen. Und was mehr ist als alles — ein Asyl werde ich hier eröffnen für alle bedrängten und verfolgten Brüder und Schwestern, damit sic hier eine Stätte finden, wo sie ruhig ihr Haupt erheben können!" So träumte Rabbi Elieser wachend goldene Träume. Er hob seine Arme gen Himmel und rief: „Allgütiger Gott, wie danke ich Dir für all' das Gute, das Du mir beschieden!" Als er seine Arme nicdersinken ließ, da fühlte er, wie der Ring des Königs sich von seinem Finger löste, der kostbare Ring, der ihm Sicherheit und Frieden gewährleisten sollte. Der Ring war ihm ein wenig zu weit und saß daher nicht fest an dem Finger. Wenn dieser Ring in den reißenden Bergstrom fiel, so war er ihm für immer verloren! Rasch bückte er sich dem sinkenden Ringe nach, beinahe hätte er das Gleichgewicht verloren und wäre von der Brücke gestürzt — aber, es war ihm gelungen; er richtete sich empor und hielt den kostbaren Ring, den er schnell wieder aufgegriffen, fest in der geschlossenen Hand. „Welch' ein Wunder," rief Rabbi Elieser, „sollte man meinen, daß es möglich sei, einen der Hand entsinkenden Ring wieder aufzufangen! Ein Wunder, ja ein Wunder! Unsere Weisen lehren: Begib dich nie in eine Gefahr in der Voraussetzung, daß Gott durch ein Wunder dich retten wird. Selbst, wenn dieses Wunder geschieht, ist es nicht gut für den Geretteten, weil er dadurch bereits einen großen Lohn für seine guten Thaten vorweg-