Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 30 (1889)
- Issue
- Heft 72 (9.9.1889)
- Date
- 1889-09-09
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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XXX* Jahrgang. M 7S. Israelit««»Jeschurun. ZMslhrlst m FördMUg D. GMes mb jSd. frbrns in Ws. GmeMe KtH KWe. Gentrat-Hrgan für das orthodoxe Zudentßum. Herausgegeben von Dr. Lehmann in Mainz« Montag, den 9. S eptemb er 5649 (1899)« _ Leitende Artikel. t — Der Kociakismus. Seine Theorie und Praxis nach Bibel nnd Talmud. Von Rabbiner Heinrich G a l a n d au e r. Wenn die Menschen sich mit einem naturgemäßen Leben begnügen könnten und nur das erstreben würden, was ihre Natur nothwendig erfordert, so gäbe es keine sociale Frage. Gott läßt die Natur mit ihren Erzeugnissen für die Erhaltung der Geschöpfe, die sie hervorbringt, sorgen, und Gott, der das Leben spendet, gibt auch die nöthige Nahrung dazu. *) Weil sie aber die Begierde treibt, nach vermeintlichen Glücksgütern zu jagen und maßlos nach den Mitteln zu Haschen, welche ihnen Macht, Ansehen, Bequemlichkeit und Vergnügungen schaffen können, so ist eine sociale Gleichheit nicht denkbar, und die Unterschiede in der Gesellschaft treten hervor, sobald es Einzelnen gelingt, dieser Mittel habhaft zu werden. DtzsnMl^ Erreichung solcher Mittel, entweder von den^Weiß, oder von der Fähigkeit oder von dem MÜckWdes nach ihnen Strebenden abhängig ist,-M-Menschen aber in alldem sehr verschieden von einander sind, so muß auch nothwendig eine Verschiedenheit in der socialen Stellung derselben eintreten. Diese Verschiedenheit, welche mehr ') 'JflD 2'N' '"PI 3’m Eine nach der Natur geordnete Armuth ist ein großer Reichthum. Uno weißt du, welche Grenzen jenes Naturgesetz uns zieht? Nicht hungern, nicht dürsten, nicht frieren. Um Hunger und Durst zu stillen, braucht man nicht vor stolzen Häusern aufzuwarten, hochmüthige Blicke und eine demüthige Behandlung sich gefallen zu lassen. Was die Natur braucht, das liegt nahe und kann leicht erworben werden. Nur wegen des Ueberflüsfigen echauffiert man sich. SenecLs Briefe an Lucilius, 4. Brief.) oder minder zum Vortheil des Einzelnen und in vielen Fällen zum Nachtheil der Andern besteht, bekämpft der Socialismus. Der Socialismus ist die Lehre von der Gleichheit aller Menschen; er verlangt gleiche Pflichten und gleiche Rechte sür Alle, gleichen Antheil an den Gütern dieser Welt, gleiches Ansehen und gleiche Macht für Alle. Da dies alles aber nur dann erftAMlich wäre, wenn auch die B e d ingun g en, dnrMmelche eine, solche Gleichheit zu erlangen ist, tn-OLckichem Maße bei Allen vorhanden wären und Alle gleich im Fleiße, gleich in Fähigkeit und Glück sein müßten, was aber nicht denkbar ist, so ergibt sich, daß der Socialtsmus in diesem Sinne eine Unmöglichkeit ist. Es ist nur dann möglich und auch berechtigt, wenn er für Alle ein gleiches Recht auf die Existenz und deren Erhaltung fordert, d. h., wenn er an den Erträgnissen der Natur und an dem Besitzthum der Menschen einen Antheil beansprucht, welcher Allen die naturgemäße Erhaltung ermöglicht; sobald der Socialismus aber in Neid und Mißgunst umschlägt und es ihm nicht ausschließlich darum zu thun ist, daß der Arme gesättiget und bekleidet werde, sondern mit Scheelsucht auf die Reichen blickt und immer und immer wieder die Frage aufwirst, warum der Eine Millionär ist, während der Andere um sein tägliches Brod schwer arbeiten muß; sobald in solcher Weise das Recht des Besitzenden an dem Besitz bestritten wird, verliert der Socialismus jede Berechtigung, denn das Recht schließt den Socialismus gänzlich aus. Das Recht schützt und sichert das Eigenthum; dieser aber will zwischen Mein und Dein nicht unterschieden wissen und er verlangt nicht das Recht, sondern die Gewalt. Was wäre denn der Socialismus sonst als die Gewalt, wenn, wie wir oben gezeigt haben,