Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 30 (1889)
- Issue
- Heft 71 (5.9.1889)
- Date
- 1889-09-05
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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XXX. Jahrgang Erste Mage M Ml\ üps „3srnEtit‘'<fc„3pftfjunur. Zeitungsnachrichten und Correspondenzen. Deutschland. Berlin, 1. September. Der Grenzverkehr mit Rußland hat in letzter Zeit allerlei Erschwerungen von Seiten der russischen Regierung erfahren. Alle Deutschen, die in Geschäften nach Rußland gehen, werden von der Fremdcnpolizei einer Kontrolc unterworfen, die bisher selbst im Zarenreich nicht üblich gewesen ist. Während es bisher genügte, daß sich die deutschen Geschäftsleute unserer Provinz, gleichviel welches religiösen Bekenntnisses sie waren, ihren Paß vom russischen Konsul in Breslau behufs enoa nothwendiger Legitimirung visiren ließen, nlüsseu jetzt, wie die „K. Z." berichtet, christliche Reisende, die in Rußland Geschäfte machen wollen, ein Gildeupatent (Gewerbeschein) lösen, wofür bei jedem Eintritt nach Rußland 42 Rubel oder einfür allemal, d. h. für ein Jahr reichend, eine Steuer von 718 Rubel zu entrichten ist. Die schlesischen Kaufleute jüdischen Glaubens dürfen dagegen in Rußland gar keine Geschäfte machen. So wurde, wie schon kurz berichtet, erst dieser Tage ein angesehener jüdischer Kaufmann aus Gleiwitz, der schon jahrelang Lodz besucht, vom dortigen Polizeimeister aufgefordert, das Land zu verlassen; denn innerhalb 24 Stunden müßten nach der bestehenden Verordnung alle jüdischen Geschäftsreisenden ausgewiescn werden. Der ausgewiesene Kaufmann aus Gleiwitz, der sich durch diese Maßregel aufs Schwerste geschädigt sieht, hat sich beschwerdeführend an das Ministerium nach Petersburg gewandt; ob er aber die Aufhebung dieses Ukas erzielen wird, ist bei dem von der russischen Regierung seit Jahr und Tag gegen Deutschland beliebten Absperrungssystem kaum zu erwarten. Hat doch die Regierung in Petersburg kein Bedenken getragen, erst im März dieses Jahres kraft eigener Machtvollkommenheit ganz urplötzlich die Giltigkeitsdauer der sogenannten Halbpässe, d. h. der Ausweis^ scheine, welche vom Landrath des Kreises ausgestellt und von den einzelnen Polizeiverwaltungen unentgeltlich verabfolgt werden, von 14 auf 8 Tage herabzusetzen, obwohl eine solche einseitige Maßregel staats- und völkerrechtlich deßhalb unerlaubt ist, weil die gegenseitige Anerkennung dieser vierzehntägigen Halbpässe auf einem zwischen Preußen und Rußland schon im Jahre 1835 geschlossenen Staatsvertrag beruht. Man begreift alle diese von der russischen Regierung beliebten Maßnahmen nur, wenn man bedenkt, daß sie alle in der Absicht getroffen werden, um das deutsche Element von der Grenze sernzuhalten. Leider können die Russen sich mit einem Anschein von Recht darauf berufen, daß ihre Sperrmaßregeln nur eine verspätete, aber um so gründlichere Antwort ans die Puttkamerschen Massenausweisuugen sein sollen. Hamburg, 30. August. In Nr. 33 der „Israel. Wochenschrift" vom 15. cr. vertreibt sich ein Hamburger Kurgast im Ostseebade Glücksburg seine Langeweile damit, über seine Landsleute gehörig herzufallen. Man könnte den betreffenden Herrn, der übrigens nicht unbekannt ist, ungestört lamentircn lassen, wenn er nicht das eigentlich Thatsächliche. was er berichtet, „höchst tendenziös" — um sich seines eigenen Ausdruckes zu bedienen — entstellen würde und damit bei dem lesenden Publikum eine falsche Meinung Hervorrufen möchte. — Der betreffende Correspondent, dem es aus seiner Stellung in der Gemeinde, durchaus bekannt ist, daß der sel. Oberrabbiner es war, der s. Zt. aus dringender Veranlassung, mit Unterstützung des Reichskanzlers mittelst Genehmigung des Königl. Preußischen Ministeriums des Innern die Concession zur Anlage eines jüdischen Begräbnißplatzes zu Langenfelde, in nächster Nähe Hamburgs, erworben hatte, und dem es nicht minder bekannt ist, daß dieser jüdische Begräbnißplatz dem Gemeindevorstande zum Schutze der Integrität der Gemeinde und deren Befteuerungsrechtes vertragsmäßig zugänglich gemacht werden sollte, welche Offerte noch heute aufrecht erhalten, aber vom Gemeindevorstande wie damals auch jetzt abgelehnt wird, dieser Herr berichtet, daß die zelotische Partei in Hamburg diesen Friedhof hergestellt und damit „den Zwiespalt in der Gemeinde zu einem dauernden gemacht", nunmehr auch zu dessen Empfehlung einen „höchst tendenziös" ausgestatteten Kalender hat erscheinen lassen. Dieser Kalender, von welchem ein Exemplar anbei erfolgt, mag selbst für sich reden, ob er in der That „höchst tendenziös" ausgestattet