Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 30 (1889)
- Issue
- Heft 50 (24.6.1889)
- Date
- 1889-06-24
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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855 gemeinde Namens Engel: „Unsere Kirche steht Ihrem ' Glauben keinesfalls feindlich gegenüber, da sie doch j aus demselben hervorging und viele Berührungsl punkte, wie Bibel, Propheten, Psalmen, rnit demi selben hat. Jede positive Religion ist dem Atheismus I vorzuziehen, der die soziale Ordnung zerstört, daher I sollen alle Konfessionen einig sein und friedlich untereinander wirken. Ich versichere Sie und Ihre Glaubensgenossen meiner dauernden Sympathie." Egypten. Alexandrien. Auf Vorschlag unseres verehrten Oberrabbiners, Elias Hazan, finden jetzt jeden Samstag im Lokale des hiesigen Wohlthätigkeitsvereins „Jad Charuzim" Vorträge für die Zöglinge unserer Talmud-Thora und noch anderer Schulen statt, die den schönen Zweck haben, das religiöse und jüdische Gefühl unserer Jugend zu heben. Diese Vorträge werden vom Rabbiner Maimun Ventura abgehalten, und erfreuen sie sich jetzt schon allgemeiner Beliebtheit. In dem unweit von hier gelegenen Städtchen Mansurah lebte ein aus Syrien eingewandertes jüdisches Mädchen, dessen sittlicher Lebenswandel viel zu wünschen übrig ließ. Vor Kurzem begann sie jedoch diesen Lebenswandel zu bereuen; sie begab sich daher in das Haus der Gebrüder Menachem und Machluf Cohen und bat dieselben, sich ihrer anzunehmen und ihr einen bessern Lebenswandel zu ermöglichen. Die beiden Brüder nahmen nun die Büßerin zu sich ins Haus und gaben ihr hier Kost und Wohnung gänzlich umsonst. Als sie sich dann von ihrer aufrichtigen Reue überzeugt hatten, suchten sie ihr einen braven Bräutigam, damit sie in ihre eigene Behausung komme. Vor wenigen Tagen hat nun die Hochzeit ftattgefunden, die selbstverständlich auf Kosten der beiden Wohlthäter erfolgte, deren Großmuth und Edelsinn man nicht genug rühmen kann. Hier in Alexandrien hat vor einigen Tagen die Vermählung des Herrn Clemens (Rachamim) I Aghion mit Frl. Esther Tilche, welche beide hochangesehenen Familien unserer Stadt angehören, stattgefunden und wurde die Trauung vom Herrn Oberrabbiner Hazan im Hause des Bräutigams vollzogen. Ein distinguirtes Publikum, unter dem sich auch mehrere Rabbiner befanden, wohnte dieser Ceremonie an. Am Abend darauf fand eine glänzende Soiree statt, die bis drei Uhr Morgens dauerte und an der abermals die Sommitäten unserer Stadt und Jf Gemeinde theilnahmen. Der Bräutigam, Herr Aghion, hat einen Theil seiner Studien in der k. k. orientalischen Akademie in Wien gemacht und obwohl er fast ausschließlich christliche Adelige zu College» und Freunden hatte, so unterließ er es doch keinen Tag in seinem Zimmer mit Taliß und Tephillin zu beten und vermochte ihn selbst der Eintritt der Professoren nicht in seiner Andacht zu stören. Auch den Sabbat tsnp kw hielt Herr Aghion stets hoch in Ehren. Afrika. Tunis. Vor einigen Wochen hat das bekannte französisch-antisemitische Wochenblatt hier „La Kasbah“ plötzlich zu erscheinen aufgehört, worüber nicht geringe Freude unter unseren Glaubensbrüdern hier herrschte, da sie nun mit Sicherheit erwarteten, daß dieser tobte Störenfried nie mehr ins Leben zurückkehren werde, »n^nin mwb px Denn vier Wochen nachher begann es wieder zu erscheinen und von Neuem zu hetzen. Der Director dieses Blättchens hat sogar jetzt eine Rundreise durch die Provinz angetreten, um überall Vorlesungen und Brandreden über und gegen die Juden zu halten. Sogar die elenden arabischen Dörfer sucht er auf, um überall Haß und Verachtung gegen die Juden zu predigen. In Suk-Elarba wohnte sogar der dortige französische Steuereinnehmer einer solchen Vorlesung an, der aber, als ihm der französische Ministerresident hier darüber Vorstellungen machte, ganz einfach erwiederte, er habe dieser Vorlesung nur als Privatmann, nicht aber auch als französischer Beamter angewohnt. Jndeß hat dieser antisemitische Federheld vor einigen Tagen von einem seiner Collegen, dem Redactenr des „Tunis Journal", Herrn Monte!, in Folge einer Polemik in einem Kaffeehause hier eine Ohrfeige erhalten und kann er daher mit dieser Aufmerksamkeit einstweilen zufrieden sein. Vor einigen Tagen traf hier der italienische Maler Vittorio Disegui, ein Schüler der Akademie der schönen Künste in Rom, ein, um sich hier dauernd niederzulassen. Da derselbe nur gute Schulzeugnisse, aber kein Empfehlungsschreiben mitbrachte, so konnte er nicht so leickt eine Beschäftigung finden. Indessen nahm sich der Redacteur der italienischen „Unione" hier, Cav. Fabbri, seiner wacker an, der ihn auch dem hiesigen italienischen General-Cousul, Commendatore Bario, vorftellte. Dieser ernannte Herrn Disegnt sogleich zum Zeichenlehrer an der hiesigen italienischen Mädchenschule und forderte ihn sogleich auf, auch seiner Stieftochter Unterricht im Malen zu ertheilen. So haben sich hier zwei Christen brav eines jüdischen Malers angenommen und ihm Brot und Stellung verschafft.