Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 30 (1889)
- Issue
- Heft 50 (24.6.1889)
- Date
- 1889-06-24
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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gegangen. An dem letzten Fenster, dem Walde zunächst, bin ich mit Hermann gestanden, wir hatten, wie gewöhnlich, miteinander gestritten, waren vermuthlich dabei laut geworden. Wenigstens wandtest Du Dich um und blicktest zu uns hinauf, und da Du es doch wohl nicht sehr passend finden mochtest, fremden Menschen so ohne weiteres in's Gesicht zu gucken, so zogst Du den Hut und grüßtest." „Ja, ja, ich erinnere mich — ich erinnere mich." — Seine Stimme hatte einen eigenthümlichen Klang, als er diese Worte sprach, und er athmete einige Male schwer auf. „Und das war heute vor einem Jahr? — Du weißt es genau?" „Ganz genau. Doch was hast Du nur? — Du machst mit eiuemmal ein so ein ernstes Gesicht." „Du siehst Gespenster bei Hellem Tage", erwiderte er gezwungen lachend. „Aber Du hast ja meine Frage noch nicht beantwortet, wie hast Du den heutigen Tag verbracht?" „O, ich bin sehr, sehr fleißig gewesen", entgegnen sie, munter an seiner Seite einherschreitend, „die Karawelawska wundert sich immer, daß ich in der Wirthschaft so gut Bescheid weiß — als ob wir zu Hause nicht auch eine Wirthschaft gehabt hätten — freilich keine so überaus große. Aber etwas kleiner oder etwas größer, darauf kommt es schließlich doch nicht an. Hauptsache ist, daß man versteht, was dazu gehört." „Sehr wahr, meine kleine Gnädige. Also was gehört dazu?" „Na, ich werde Dir doch jetzt nicht herrechnen, was alles zu einer Wirthschaft gehört. — Du wolltest doch nur wissen, was ich heute gethan habe" „Richtig, richtig. Aso? —" „Also zuerst bin ich mit der Karawelawska in der Milchkammer gewesen." „Und hast dort die Sahne von den Milchtöpfen genascht", neckte er. „Wenn Du nicht aufhörst, sage ich Dir gar nichts mehr", schalt sie. „Das wäre zu arg, da will ich lieber ganz still schweigen — also, Du siehst, ich bin ganz ruhig, nur mußt Du aber auch fortfahren." „Du machst Dich doch nur über mich lustig, Dir liegt ja gar nichts daran, was ich thue." „Da bist Du im Jrrthmn, ich nehme im Gegentheil das größte Interesse an allen Beschäftigungen meiner kleinen Frau." „Nun ja, ich weiß es wohl, Du möchtest, daß Deine kleine Frau eine hochgebildete große Dame werde." „Auf hohe Bildung lege ich grade keinen allzugroßen Werth, mir ist meine kleine Frau gebildet genug." „Das ist nicht Dein Ernst, Du möchtest doch, daß ich gut italienisch lerne." „Nun ja, weil wir Ende des Winters nach Italien reisen wollen; das wäre doch allzu arg für Dich, wenn Du mit den Leuten dort nicht plaudern könntest." „Freilich wäre das arg, darum thue ich auch mein Mögliches. Zwei große Seiten habe ich heute übersetzt aus Silvio Pellico und zwölf Verse aus la Gerusalemme liberata habe ich auswendig gelernt." „Potz Tausend, wie du fleißig bist! Da wirst Du sicherlich bald besser Italienisch sprechen als ich." „Wann wirst Du — Herr Gott!" schrie sie auf, indem sie den Arm des Majors umklammerte, „sieh, sieh! dort! —" Sie zitterte so heftig, daß Orloffski, der ihr seine ganze Aufmerksamkeit zuwandte und seine volle Manneskraft bedurfte, um sie auftecht zu erhalten, die Gestalt nicht gewahrte, die wenige Schritte vor ihnen mit wildrollenden Augen und hoch erhobenem Arm sie zu erwarten schien. „Was ist Dir? — um Gottrswlllen! was ist Dir?" Sie vermochte nicht zu antworten, ihre Zähne schlugen wie im Fieberfrost aneinander, nur mit dem Finger deutete sie in der Richtung, in der der unheimliche Fremde stand, Orloffski's Blick folgte ihrem Zeichen und — „Radimskow!" schrie er und schien auf ihn zustürzen zu wollen, die erhobene Waffe ihm zu entwinden. Doch Leah hing wie Blei an seinem Arm. Der Fremde lachte grell auf, er taumelte noch einige Schritte näher, dann erfolgte im selben Moment Blitz und Knall und unmittelbar vor Leah brach der Selbstmörder zusammen, sein zerschmettertes Haupt glitt an ihrem Kleide nieder und fiel auf ihren Fuß. Sie stieß einen gellenden Schrei aus und verlor das Bewußtsein. Orloffski riß sie empor in seinen Armen und nahezu sinnlos vor Angst, rannte er mit ihr seinem ungefähr zehn Minuten entfernten Wohnhause zu. Dicke Schweißtropfen rannten ihm von der Stirn, denn Leah wand sich in den heftigsten Convulstonen, er war kaum im Stande, sie bis hinauf in ihr Zimmer zu tragen. Er hatte einen reitenden Boten in die Stadt gesandt, um den Arzt schleunigst herbeizurufen, während Frau Karawelawska sich um ihre jugendliche Herrin bemühte. Thränen entstürzten den Augen der Theilnehmenden, als sie die Qualen der un-