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Der Israelit · 1889-06-20 · Heft 49 (20.6.1889) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
30 (1889)
Issue
Heft 49 (20.6.1889)
Date
1889-06-20
Page
– (sequence 7)
Language
German
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835 Feuilleton. Schuld und Süyue. Erzählung von Friedrich Rott. (Fortsetzung.) Orloffski brauchte nicht lange zu warten, sehr bald traf die Erwiederung ein. Mit wenigen, aber entschiedenen Worten erklärte ihm der verzweifelnde Vater, daß das jüdische Religionsgesetz keine Ehe zwischen Juden und Nichtjuden anerkenne, sondern jede ähnliche Verbindung als Concubinat betrachte. — Noch einmal beschwor er ihn, ihm sein Kind zurückzugeben — würde er sich weigern, so werde sein Fluch ihn treffen, ihn verfolgen und alles Setnige — und er möge wohl bedenken, nur der Eltern Segen erbaue den Kindern Häuser. Könne er ihn auch nicht fordern vor den irdischen Richter, vor den Richterstuhl des Höchsten werde er ihn fordern. Orloffski preßte die Lippen aufeinander; wohl fühlte er sich erschüttert bis im Innersten seines Herzens, doch wie konnte er dem ihm gestellten Begehren entsprechen? — es war unmöglich, entschieden unmöglich. Und weil es unmöglich war — Er richtete sich stramm auf, trat zum Ofen und warf den eben erhaltenen Brief in die Flamme — er flackerte hoch auf, aber er hinterließ nicht einmal Asche, wenigstens gewahrte man keine. Tiefaufathmend schloß der Major die Ofenthür und ging dann im Zimmer, die Hände auf dem Rücken über einander gekreuzt, sinnend auf und nieder. Dem starrköpfigen Juden war Vernunft nicht beizubringen und gegen Unvernunft ist jeder Kampf vergebens. — Doch Leah, wie würde sie sich beruhigen lassen? Es ward ihm leichter, als er hoffen zu dürfen geglaubt Hatte, denn an den Worten des Geliebten zu zweifeln, wäre ihr wie eine Entweihung erschienen. Als sie fort und fort nach Nachricht von den Eltern verlangte, sprach er endlich die Vermuthung aus, daß ihre Mutter doch wohl noch nicht weit genug hergestellt wäre, um die Eorrespondenz führen zu können, daß aber ihr Vater, als Entflohener es nimmer wagen dürfe, Briefe in die Heimath zu senden, ohne befürchten zu müssen, die Sicherheit des Adressaten zu gefährden. Er habe früher gehofft, daß vielleicht ihr Vetter im Namen ihrer Eltern ihre Briefe beantworten werde, doch nach alle dem, was sie ihm seither von Hermann erzählt, wäre eine derartige Gefälligkeit von ihm wohl kaum zu erwarten. Leah ließ seufzend das Köpfchen hängen. „Warum hast Du mir das nicht früher gesagt? — Du hättest mir dadurch all' dieses lange und bange Warten erspart — wenn mein Vater uns nicht schreiben darf, von wem sollte ich Brief erwarten? — meine Mutter hat schon seit zwei Jahren eine Schwäche in der rechten Hand, die ihr das Schreiben schwer möglich macht und mein Vetter Hermann — von dem Brief zu erwarten —" Orloffski war von Herzen froh, daß dieses unaufhörliche vergebliche Warten endlich vorüber war, er hatte schon gefürchtet, es könne ihr ernstlich schaden. Jetzt vertröstete er sie auf den Frühling, in dem sie gemeinschaftlich ihre Eltern aufsuchen wollten. Und mehrere Wochen, mindestens einen vollen Monat, wollten sie bei ihnen verweilen und dann eine größere Reise unternehmen. Leah plauderte gern von der bevorstehenden Reise, in Gedanken ordnete sie schon ihre Toiletten. Wie ihre Mutter sich freuen würde, wenn sie alle die schönen Kleider sehen würde — zu Hause war sie am Sabbat nie so schön gegangen, wie jetzt an dem gewöhnlichsten Wochentag. Doch als der Frühling gekommen war, erklärte der Arzt, die junge Frau dürfe im Laufe dieser Saison keine größere Reise unternehmen. Das war eine herbe Enttäuschung für Leah's langes Hoffen, doch sie ertrug sie mit verhältnißmäßigem Gleichmuth, war ihr doch gleichzeitig erklärt worden, daß jede Gemüthserregung die schädlichsten Folgen nach sich ziehen könne. — Orloffski's zärtliche Aufmerksamkeit schien sich seitdem nahezu verdoppelt zu haben, er umgab sie mit allem, was nur die innigste Liebe und Zärtlichkeit ersinnen konnte. Mit vollster Zuversicht erwartete er einen Stammhalter, und sie machten bereits Pläne für die Zukunft des künftigen Weltbürgers, ob er die militärische oder die diplomatische Carriere einschlagen solle und dergleichen mehr. Inzwischen arbeitete Leah wacker darauf los, um sich die genügende Bildung anzueignen, die, ihrer Ansicht nach, zu der ihr bevorstehenden Würde unerläßlich war. XVI. Die Zeit der Ernte war gekommen, golden prangten die Saaten und fielen unter den fleißigen Händen der Schnitter. Orloffski bewegte sich fleißig zwischen seinen Arbeitern, Tagelang war er zuweilen auf den Feldern und in den spätern Nachmittagsstunden kam auch Leah manchmal hinaus; dann unternahmen sie auch Spaziergänge durch den nahen Forst.

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