Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 30 (1889)
- Issue
- Heft 48 (17.6.1889)
- Date
- 1889-06-17
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
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823 das Kind, das allerdings nach der Entwöhnung in der Entwicklung etwas zurückgeblieben sei, jetzt blühend aussehe und jeder Zeit reinlich gehalten worden wäre. Event, beantragen beide Anwälte Beschluß auf Beweisverfahren und beiderseits die Vernehmung von Zeugen, während Dr. Wittmer noch zahlreiche Briefe Böckel's als Beweismaterial in Vorschlag bringt. Der Gerichtshof wird seinen Beschluß am nächsten Mittwoch verkünden. Berlin. In der Nacht zum Dienstag sind aus der Synagoge „Ahawas Scholem", sämmtliche Silbergeräthschaften, mit Ausnahme der beiden großen Leuchter, aus dem Allerheiligften gestohlen worden; es sind dies: zwei Behänge in Tafelform mit silbernen Kronen und Goldeinsatz, zwei silberne Arme, ein Pokal, zwei längliche Kronen mit kleinen Glocken und ein Gewürzbecher aus Alfenide. Die gestohlenen Gegenstände repräsentiren einen Gesammtwerth von sechs- bis siebenhundert Mark. Der mit der Oertlichkeit genau vertraut gewesene Dieb hat die Thören und Behälter mittelst Nachschlüssels geöffuet. Der Verdacht der Thäterschaft lenkte sich zunächst auf einen früheren Synagogendiener, dessen Unschuld sich aber sofort herausgestellt hat. Jetzt fahndet die Kriminalpolizei auf ein Individuum, welches einer Silberschmelze ein Stück geschmolzenen Silbers im Gewicht von ca. zwei Kilogramm zum Verkauf angeboren hat. Berlin. Die Gesellschaft zur Verbreitung des Handwerks und des Ackerbaues unter den Juden im preußischen Staate, welche seit 1813 hier besteht, hielt gestern in der Aula der jüdischen Knabenschule ihre Jahresversammlung ab. Die Gesellschaft zählt 415 Mitglieder, darunter 45 Handwerker. Augenblicklich sind 77 Lehrlinge in dauernder Pflege der Gesellschaft gegen 89 im Vorjahre. 24 hatten im Laufe des Jahres ausgelernt, 13 sind außerdem vor Beendigung der Lehrzeit aus der Lehrzeit ausgeschieden, 25 sind neu ausgenommen, 11 von den Pfleglingen erlernen die Buchbinderei, 6 werden Tapezier, 5 Schriftsetzer, 9 ergreifen eins der Bekleidungsgewerbe, je 3 werden Uhrmacher, Mechaniker, Gürtler, Drechsler oder Goldarbeiter, je zwei werden Bildhauer, Bäcker bezw. Conditor, Glaser, Gelbgießer, Klempner, Lederarbeiter, Metalldreher, Schlosser oder Tischler, außerdem finden wir einen Maler, einen Maschinentechniker, einen Zahntechniker, einen Ciseleur, einen Barbier, einen Buchdrucker, einen Färber, einen Müller, einen Steindrucker, einen Kunstgießer, einen Steinmetz, einen Töpfer und einen Zinkograph. Verausgabt wurden für die Pfleglinge insgesammt 7172 M. Vereinnahmt wurden u. A. an Zinsen 3297 M., an Beiträgen 4396 M., an Geschenken 11,030 M. Ratibor, 7. Juni. Soeben, kurz vor Sabbateingang, durcheilt eine Freudekunde mit Blitzesschnelle unsere Stadt: Herrvr. Adolf Blumenthal aus Berlin ist vom vereinigten Vorstands- und Repräsentantencollegium einstimmig zum Rabbiner der hiesigen Gemeinde gewählt worden. So hat denn endlich die Rabbinerfrage bei unS eine so herrliche Lösung gefunden. Es ist zweifellos ein glänzender Triumph des gesetzestreuen Judenthums, der hier errungen wurde. Gegen 30 Bewerber hatten sich für das erledigte Rabbtnat gemeldet; aus dieser Zahl wurden auf Grund ihrer glänzenden Zeugnisse und Empfehlungen 4 zur engeren Wahl gestellt, ein amtirender Rabbiner auS der Breslauer Schule, der sofort nach seiner Probepredigt aus der Zahl der Bewerber schied und drei Herren, welche am Berliner Rabbiner-Seminar ihre religiöse Ausbildung erhalten haben. Von diesen vereinigte Herr vr. Blumenthal durch seinen rednerischen Erfolg sofort die allgemeine Sympathien auf sich, und die Wahl wäre ohne Störung vollzogen worden, wenn nicht die Orgel den Zwiespalt in die Gemeinde geworfen hätte. Die überwiegende Mehrheit der Gemeinde und der Repräsentanten forderte Orgel, Damenchor und deutsche Gebete, und als der Vorstand erklärte, keine Mittel zur Erbauung und Erhaltung der Orgel zu besitzen oder bewilligen zu wollen, wurde die Summe sofort gezeichnet. Zwar erklärten alle Zöglinge des Berliner Seminars entschieden, die Stelle mit der Orgel ablehnen zu müssen, die Majorität beharrte indeß auf der Forderung, und der Vorstand glaubte bei Schenkung des Instrumentes nicht den Frieden in der Gemeinde stören zu müssen. Da wurde Herr vr. Blumenthal zum Wochenfeste als Redner berufen, und das Unerwartete geschah: seine Reden entfesselten einen derartigen Sturm der Begeisterung in der ganzen Gemeinde ausnahmslos bei allen Parteien, daß die maßgebenden Führer der Orgelpartei sofort zusammentraten und in der Ueberzeugung, daß die Kanzelberedsamkeit des Herrn vr. Blumenthal jedes wettere Andachtsmittel überflüssig machen würde, auf die Orgel verzichteten, um den Redner, der auf seinem Standpunkte entschieden beharrte, für Ratibor zu retten und Vorstand und Repräsentanten wählten heute, einen Tag nach dem Feste, Herrn vr. Blumenthal et nsti mmi g zum Rabbiner mtt dem Bemerken, daß der Gewählte in allen religiösen Fragen die entscheidende Sttmme haben, die Oberaufsicht über den religiösen Unterricht in allen hiesigen höheren