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Der Israelit · 1889-06-12 · Heft 46-47 (12.6.1889) · page 12

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Journal
Der Israelit
Volume
30 (1889)
Issue
Heft 46-47 (12.6.1889)
Date
1889-06-12
Page
– (sequence 12)
Language
German
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800 aus Stadt und Land, darunter mehrere mit den einschlägigen Verhältnissen wohlvertraute Vertreter ländlicher Bezirke, hier zu versammeln, um mit denselben über Mittel und Wege zur Abhilfe Raths zu Pflegen. Diese Versammlung, welche am 28. v. Mts. hier stattfand, hat einhellig beschlossen, daß, als nächste Maßnahme, dem vor drei Jahren in Freiburg begründeten Verein zur Förderung des Handwerks und der technischen Berufsarten unter den Israeliten des Großherzogthums Baden, welcher bis jetzt erst 3l0 Mitglieder in etwa 20 Gemeinden der oberen und mittleren Landestheile mit verhältnißmäßig sehr niederen Beiträgen zählt, gleichwohl aber durch sein erfolgreiches Wirken sich bereits Vertrauen nnd Anerkennung erworben hat, die umfassendste Ausdehnung zu geben und auf den Beitritt aller Israeliten des Landes nach Kräften hinzuwirken sei. Ein Gutachten des Professors der Nationalökonomie des Herrn Dr. Gothein legt dar, daß die meisten Handwerke bei richtigem Betriebe noch immer eine sichere Existenz bieten, daß die Israeliten eine hervorragende Begabung für nicht wenige Handwerksarten schon früher durch die Thal bewiesen haben und daß ein zahlreicherer Zugang derselben zu diesen Berufszweigen für sie selbst wie für das Volksleben überhaupt nur von Vortheil sein könne. Wir weisen serrer darauf hin, daß, wie in andern deutschen Staaten, so namentlich auch in unserm Nachbarlande Elsaß-Lothringen Vereine zur Förderung des Handwerks unter den Israeliten schon seit Jahrzehnten mit glänzendem Erfolge wirken. In Mülhausen und Straßburg bestehen eigene jüdische Gewerbeschulen. Aus derjenigen für das Unterelsaß zu Straßburg, welche jährlich von etwa 80 Zöglinge besucht wird, sind nach dem uns vorliegenden Berichte des Verwaltungsrahs für das Jahr 1887 seit ihrem Bestehen mehr als 700 kenntnißreiche Gewerbsleute hervorgegangen, von welchen viele in einträglichsten Stellungen sich befinden und durch ihre Arbeit sich die öffentliche Achtung in hohem Maße erworben haben. Im Hinblick ans diese Erfahrungen und Vorbilder können wir die Ausbildung der israelitischen Jugend unseres Landes in Handwerken und sonstigen technischen Berussarten um so zuversichtlicher empfehlen, als auch Denjenigen, welche etwa nach erlangter Befähigung zu solchen Gewerben hierzulande eine auskömmliche Existenz nicht finden und solche daher in der Ferne suchen müssen, als gelernten Handwerkern bei weitem günstigere Aussichten winken, wie Diejenigen, welche sich nur für den kaufmännischen Beruf vorbereitet haben. Um allen Eltern, welche dieser Anregung gemäß handeln wollen, mit Rath und an die Hand zu gehen, ist die Errichtung eines allgemeinen Landesvereins und die Ausstattung desselben mit möglichst reichen Mitteln unumgängliches Bedürfniß. Das weitere Vorgehen soll nun in der Weise erfolgen, daß in den bereits dem Freiburger Verein äugeschloffenen Bezirken (Gailingeu, Sulzburg, Freiburg. Schmieheim und Bühl) von den Synagogenräthen auf beti Beitritt sämmtlicher Mitglieder ihrer Gemeinden und auf die Leistung höherer, den Vermögensverhältnissen der Einzelnen entsprechender Jahresbeiträge hingewirkt wird. In die übrigen Bezirke werden die neuzubildenden Distrikts-Eomitös in Karlsruhe, Heidelberg und Mannheim sich theilen und hierauf die Synagogenräthe der ihnen zugewiesenen Gemeinden zu der gleichen Thätigkeit wie in den oberen Landestheilen auffordern. Wenn in dieser Weise die nöthige finanzielle Grundlage für eine umfassende, planmäßige Wirksamkeit geschaffen sein wird, werden wir alsdann den Vorstand des Freiburger Vereins und die Comitßs für die untere Landesgegend zu einer Versammlung hierher einladen, um das Programm und die Organisation für den einheitlichen Landesverein festzustellen. Derselben Versammlung gedenken wir dann auch das Ergebniß der Erhebungen zu unterbreiten, welche wir in den verschiedenen Landestheilen hinsichtlich der Möglichkeit der Ueberleitung eines Dheils der ländlichen israelitischen Bevölkerung zum landwirthschaftlichen Berufe veranlassen werden. Die Gesammtheit der badischen Israeliten steht hier einer Aufgabe gegenüber, wie sie bedeutungsvoller und schwieriger schon lange nicht mehr an dieselbe herangetreten ist. Mögen Stadt und Laud einträchtig zusammenstehen und in Einsicht und OpferwiÜigkeit miteinander wetteifern., damit diese Aufgabe auf ehrenvolle Weise ihrer Lösung entgegengesührt werde! Wohl sind wir uns bewußt, daß der Wohlthätigkeitssinn der Israeliten unseres Landes zugleich für andere ebenfalls sehr erstrebenswerthe und gemeinnützige Unternehmen .stark in Anspruch genommen wird. Wir sind jedoch der Ueberzeugung, daß dieselben einen berechtigten Stolz darein setzen werden, gerade in einer Zeit, da das Judenthum so vielfachen Angriffen ausgesetzt ist, die zu allem Guten und Edeln begeisternden Grundsätze der jüdischen Religion mit verdoppeltem Eifer und vermehrten Opfern durch Förderung von Werken der Humanität und des Gemeinsinns vor Aller Augen zu bethätigen. Willstätter. Bielefeld, vr. Mayer.

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