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Der Israelit · 1889-06-12 · Heft 46-47 (12.6.1889) · page 11

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Journal
Der Israelit
Volume
30 (1889)
Issue
Heft 46-47 (12.6.1889)
Date
1889-06-12
Page
– (sequence 11)
Language
German
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799 Zeitungsnachrichten und Correspondenzen Deutschland. Karlsruhe, 9. Mai. Der isr. Oberrath hat an sämmtliche Synagogenräthe des Großherzogthums bezüglich der Verhältnisse der Israeliten aus dem Lande folgenden Aufruf erlassen: Als am Beginne dieses Jahrhunderts Großherzog Karl Friedrich, gesegneten Andenkens, in seiner Weisheit und wahrhaft väterlichen Milde die bis dahin in gedrückter Lage befindlichen Israeliten seiner Lande zu „erbfrcien Staatsbürgern" erhob, war die große Masse derselben arm, ungebildet, mißachtet. Ihr hauptsächlicher Erwerbszweig war ein kärglicher Nothhandel, zu welchem sie, wie der edelgesinnte Fürst in dem Edikte vom l3. Januar 1809 anerkannte, „der Mangel an Gelegenheit zu einem freieren Gewerbsfleiße" getrieben hatte. Wenn die nunmehr erlangte staatsbürgerliche Gleichberechtigung festen Fuß fassen sollte, mußten die Israeliten in Bildung und Nahrungszwcigen den übrigen Volkskreisen möglichst gleichzukommen suchen. Die damals neugeschaffene israelitische Ccntralbehörde — der Oberrath — ließ es an nachdrücklichen Ermahnungen und Anregungen in dieser Richtung nicht fehlen. Die Israeliten täuschten auch nicht die von dem hochherzigen Landesfürsten in sie gesetzten Erwartungen. Binnen ganz kurzer Zeit hatten sie überraschende Fortschritte aufzuweisen. Naturgemäß zeigten sich diese vorzugsweise darin, daß die Juden in großer Zahl dem ihrer bisherigen Thätigkeit am nächsten liegenden kaufmännischen Berufe sich zuwandten, zumal dieser von der damaligen Gesetzgebung besonders begünstigt und bevorzugt wurde. Ebenso fand ein starker Zugang von Israeliten zu den gelehrten Berufsarten statt. Aber auch Ackerbau und Handwerk kamen bei ihnen in Aufnahme. Zwei Umstände, das Widerstreben der Zünfte und der Mangel der Freizügigkeit, nöthigten jedoch in der Folge zahlreiche jüdische Handwerker znr Auswanderung, andere zur Rückkehr zum Kleinhandel. Die Landwirthschaft wurde noch zu Anfang der sechziger Jahre von Israeliten auf dem Lande stark betrieben, bis dieselbe infolge der zunehmenden Einfuhr billigerer fremdländischer Erzeugnisse in eine üble Lage gerieth. Da um diese Zeit die staatliche Gesetzgebung die bisherigen Schranken einer freien Bewegung in persönlicher und wirthschaftlicher Beziehung sowohl im allgemeinen — durch Gewährung von Freizügigkeit und Gewerbefreiheit — als auch für die Israeliten insbesondere — durch das Emancipationsgesetz — aus dem Wege räumte, vollzog sich im Laufe der nächsten Jahre eine großartige Einwanderung fast aller wohlhabenderen und gebildeteren Israeliten des platten Landes, insbesondere der jüngeren, aufstrebenden Elemente, nach den Städten als den Mittelpunkten der Bildung, des Handels und des Verkehrs. Dieser Zug der israelitischen Landbewohner nach den Städten, in welchem von nun an das Fortschrittsbestreben dieser Bevölkerungsfchtcht vorzugsweise zum Ausdruck kam, dauert jetzt noch fort und seine Wirkung dürfte daraus am besten erhellen, daß von den 27.000 israelitischen Einwohnern, welche nach der Volkszählung von 1885 das Großherzogthnm Baden besitzt, rund 10,000 allein auf die neun Städte Mannheim, Heidelberg, Bruchsal, Karlsruhe, Pforzheim, Rastatt, Offenburg, Freiburg und Konstanz entfallen. Es läßt sich annehmen, daß in den übrigen 140 israelitischen Gemeinden des Landes diejenigen israelitischen Familien, welche sich vom kaufmännischen Gewerbe, von Handwerken und andern nicht zu beanstandenden Nahrungszweigen erhalten, zusammen mindestens 4000 Seelen in sich begreifen^, so daß also gegenwärtig noch ungefähr die Hälfte der israelitischen Einwohner Badens (etwa 2500 Familien) auf den früher allgemein verbreiteten Kleinhandel, insbesondere Viehhandel und Produktenmäklerei, angewiesen ist. Dieser Theil der israelitischen Bevölkerung des Großherzogthums befindet sich aber jetzt in einer überaus kritischen Lage. Auf der einen Seite wird, unter eifriger Förderung von Regierung und Volksvertretung , durch genossenschaftliche Einrichtungen (Vorschußvereine, Darleihkassen, Zuchtviehgenossenschaften, Konsumvereine und dergl. mehr) dem ländlichen Zwischenhandel der Boden immer mehr entzogen , auf der andern Seite erscheint der fernere Uebergang zu dem kaufmännischen Gewerbe in den Städten, welches ebenso wie die gelehrten Berufsarten vollständig übersetzt ist, in hohem Maße bedenklich. Die Gefahr, daß ein jüdisches Proletariat in den größeren Städten sich ansammle, liegt ebenso nahe wie die andere, daß die israelitische Bevölkerung auf dem Lande in einen Zustand sittlicher und sozialer Verkommenheit gerathe. Angesichts dieser schwierigen Situation haben die Unterzeichneten Mitglieder des Oberraths es für ihre Pflicht erachtet, da hier ein jüdisches Gesammtinteresse von hervorragender Wichtigkeit in Frage steht, sich desselben mit Wärme anzunehmen und sämmtliche Israeliten des Landes zu thätiger Mitwirkung aufzurufen. Zunächst erschien es angezeigt, eine Anzahl erfahrener, durch Gemeinsinn ausgezeichneter Männer

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