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Der Israelit · 1889-06-12 · Heft 46-47 (12.6.1889) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
30 (1889)
Issue
Heft 46-47 (12.6.1889)
Date
1889-06-12
Page
– (sequence 7)
Language
German
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795 was mir zum vollkommensten Glücke fehlt, in allem übrigen bin ich so glücklich, wie ich nie geglaubt habe, daß man es sein kann. Und darum vor allem Dir, theurer geliebter Vater, Dank, innigen, herzinnigen Dank, für Deine Zustimmung zu meinem Glücke, für Deine Ermahnung, ich müßte in allem den Anordnungen meines geliebten Feodors mich fügen. — Und ich habe mich denselben gern gefügt, — o so gern. — Denn er ist so gut, mein geliebter Feodor, so überaus gut und lieb und sanft und freundlich und — ach, ich kann es Euch gar nicht schildern, wie er ist und wie ich mich so über alle Maßen glücklich fühle. Aber Ihr kenm ihn ja — wenn Du, lieber Vater, nicht gewußt hättest, daß ich an seiner Seite glücklich werde, so hättest Du sicher Deine Einwilligung nicht, obgleich — Doch Feodor will nicht, daß ich diesen Punkt erörtere, doch Ihr versteht mich auch, ohne daß ich mich näher ausdrücke. — Theure, geliebte Eltern! — wenn Ihr nur hier sein könntet! — Zeugen des Glückes Eurer Kinder sein könntet — denn Feodor ist Euer Sohn, er liebt Euch und ehrfürchtet Euch als wäret Ihr von jeher seine Eltern. — Aber vielleicht ist es auch gut, daß Ihr nicht hier seid, denn, wenn Ihr hier wäret, wäre ich vielleicht allzuglücklich, und das — Feodor hat mir nämlich viele Bücher geschenkt, alle in wunderschönen Prachteinbänden, unter andern auch Gedichte von Schiller. Da Hab ich nun ein Gedicht gelesen, der Ring des Polykrates — und zuweilen, wenn es mir sehr leid thut, daß Ihr nicht bei mir seid — dann denke ich immer an den Ring des Polykrates, die Lehre des Gedichtes ist nämlich, daß es nicht gut ist, wenn ein Mensch in allem und jedem glücklich ist, weil das allzugroße Glück des Sterblichen die Götter neidisch machen könnte. — Nun, ich bin nicht abergläubisch und weiß auch wohl, daß es keine Götter gibt. — Ueberhaupt, theure, geliebte Eltern, könnt Ihr auch in dieser Beziehung vollkommen unbesorgt sein, in meinem Herzen bin und bleibe ich eine aufrichtige, fromme Jüdin. Nie werde ich eine unerlaubte Speise genießen und nie den Sabbat oder die Feiertage entweihen. Meine Leute, ich habe nämlich viele Leute, Bediente und Mägde und Kutscher und noch Andere — die sagen immer, ich hielte das ganze Jahr die Butterwoche. Aber das ist nicht wahr, täglich esse ich kräftige Bouillon und Braten und Geflügel u. dgl. m. Aber alles aus der Fabrik aus Posen von Dr. Papilsky, von dessen Fleischextract, wovon Du, lieber Vater, auch schon gegessen hast, das weiß ich ganz bestimmt. Also, meine lieben, theuren Eltern — Aber ich weiß in Wirklichkeit nicht mehr, was ich Euch noch schreiben könnte — und doch möchte, und ich glaube auch, ich müßte Euch noch sehr viel schreiben, nur bin ich so ungeschickt und weiß nicht' recht, wie ich mich ausdrücken soll. Aber mein geliebter Feodor wird Euch auch schreiben, der weiß sich ganz anders auszudrücken als ich. — Aber es ist eigenthümlich, oft sagt er etwas und dann ist es ganz dasselbe, was ich gedacht habe und auch gern gesagt hätte, aber ich hatte nur die richtigen Worte dafür nicht gefunden. Darum, meine lieben, theuren Eltern, ich bitte Euch sehr, alles, was mein theurer Feodor Euch schreiben wird, betrachet es so als ob ich es geschrieben hätte — gedacht habe ich es sicher. Ja, ganz recht. — Beinahe hätte ich vergessen, Euch mitzutheilen, daß wir die feste Absicht haben, im nächsten Frühling, w. G., Euch zu besuchen. Wie sehr wir uns darauf freuen, das könnt Ihr Euch wirklich nicht denken, namentlich nicht von Feodor, den ich noch ganz besonders deßhalb lieb habe, weil er Euch so lieb hat. — Wir sprechen sehr viel von unserm bevorstehenden Besuche bei Euch und von der großen, großen Freude, die Ihr und wir haben werden. — Hoffentlich werden die Götter nicht neidisch darauf werden. — Doch verzeihet den Unsinn, aber wenn man so glücklich ist, wie ich es bin, dann kann man nicht immer ernsthaft sein. Und nun lebt wohl, meine theuren, geliebten Eltern! lebt recht, recht wohl und vergnügt und behaltet lieb Eure Euch innigstliebende Tochter P. 8. Auf meinen Visitenkarten steht Le ah. Helene Orloffski. Das klingt auch sehr schön, nicht wahr?" Nie im Leben hatte Leah einen so großen Brief geschrieben, es hatte ihr derselbe sogar einige Anstrengung gekostet und dennoch war sie nicht recht zufrieden mit seiner Fassung; aber der Major, dem sie ihn übergeben hatte, war überglücklich, er las ihn wieder und immer wieder, bis sie ärgerlich behauptete, er müsse geglaubt haben, daß sie gar nicht schreiben könne, weil er so viel Wesens aus ihrem Geschmier mache. Er lachte und küßte ihre Finger, an denen mehrere schwarze Flecken allerdings bewiesen, daß sie die Feder nicht allzuoft zu führen pflegten. Dann begab er sich in sein Zimmer, um auch seinerseits ihren Eltern, die er jetzt auch als seine Eltern betrachtete, zu schreiben. Leah wähnte, er werde in einigen Minuten einen weit größeren Brief geschrieben haben, als

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