Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 30 (1889)
- Issue
- Heft 44-45 (3.6.1889)
- Date
- 1889-06-03
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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XXX. Jahrgang. Erste Beilage;u M 44 & 45 Dts „Israelit" & „Iefchurun". Leitender Artikel. Gin Warnruf.*) i. Vickeant oonsules. . . . Es war bisher immer eine der schönsten und erhabensten Aufgaben dieser Zeitschrift in der stetigen Einwirkung auf ihren Leserkreis jüdischen Geist in Haus und Familie zu verbreiten und das Interesse dieser wiederum an dem Wohl und Wehe Einzelner wachzuerhalten. Besonders ist es ihr Verdienst trotz der Fernhaltung politischer Streit- und Zeitfragen, die Liebe für das Vaterland gepflegt und die Prinzipien allgemeiner Bildung, den Sinn für humanitäre Bestrebungen, selbst wenn sie auch außerhalb der jüdischen Interessensphäre lagen, stets liebevoll gepflegt zu haben. Die Leser sind daher gewohnt, aus diesen Blättern nicht nur die Ereignisse und Erscheinungen, die das Gesammtinteresse des Judenthums berühren, verzeichnet zu finden, sie schöpfen auch Belehrung aus denselben und Mahnungen. Indem nur solcherart die jüdische Zeitung mittheilt, lehrt und ermahnt, erfüllt sie ihre hohe Mission voll und ganz und erhält sich so die hervorragende Stellung, die ihr die Gegenwart willig einräumt. Eine Erscheinung in der Jetztzeit, die das Wohl des Judenthums in hohem Maße berührt und die in der hier folgenden Darlegung erörtert werden soll, konnte, um alle die es angeht zu erreichen, daher auch nur in einem spezifisch jüdischen Zeitungsorgan niedergelegt werden und darf gewiß auf die vollste Aufmerksamkeit und den ganzen Ernst eines großen Leserkreises zählen. Es gilt heute nicht den Angriff eines äußeren Feindes durch die Macht der Thatsache abzuwehren, es gilt einem viel furchtbareren Feinde, gegen den die menschliche Macht nur mit beschränkten Mitteln nur schwer anzukämpfen vermag. Dieser unheimliche Feind, der durch Israels Lager schleicht, kann nicht durch den Kampf Einzelner besiegt werden, sondern nur durch gemeinsames Vorgehen. Alle Stände und Berussarten sind mittelbar und unmittelbar an unserer heutigen Mittheilung interessirt, sie hat daher das Anrecht auf allgemeine Theilnahme. *) Nachdruck nur mit Genehmigung des Verf. erlaubt. 1) Es wäre wün schenswerth, wenn alle jüdischen Blätter sich des vorliegenden Themas annähmen. Bereits vor Jahren wurde von Irrenärzten die auffällige Thatsache verzeichnet, daß die Juden einen sehr hohen Prozentsatz zur Gesammtzahl der Geisteskranken stellen, und diese Wahrnehmung fand vor zehn Jahren noch eine höchst traurige statistische Bestätigung in der weiteren Zunahme von Geisteskrankheiten unter den Juden. Seitdem nun auch die Statistik als sehr schätzbare Hilfswissenschaft ziemlich verläßliche Angaben über die Volksbewegung, über Morbilität und Mortalität macht, wird uns auch ein Einblick in die Zahlenverhältniffe über das Jrrenwesen gestattet, die wiederum überraschende Mißverhältnisse in der Anzahl christlicher und jüd. Geisteskranken ergibt. Nach den letzten Angaben würden die Juden das höchste Contingent der Irrsinnigen — natürlich im Verhältnis zur Gesammtbevölkerung — stellen, und wäre nochmals um einen weiteren Prozentsatz hinaufgeschnellt. Wenn wir bedenken, daß außer den in staatlichen und privaten Irrenanstalten internirten Geisteskranken eine nicht unerhebliche Zahl solcher Kranken sich in ihren Familien befindet, bei Privaten oder gar im Auslande untergebracht wird, so ergibt sich eine noch größere Ziffer, als gemeiniglich verzeichnet ist. *) Soviel steht jedenfalls fest, daß die jüdische Bevölkerung auf beut Conto der statistischen Buchführung schwer belastet, das düsterste Blatt in deren Buche aber im Kapitel der Geisteskrankheiten ihr aufbewahrt ist. Wenn dann auch ein weiterer Umstand ganz dazu angethan ist, das düstere Bild vor unseren Augen noch einen vollen Ton ernster zu stimmen, fo ist eS folgende Betrachtung. 2) In Preußen gab es in Irrenanstalten untergebrachte jüdische Geisteskranke: am 31. Dez. 1876 231 männl., 252 weibl., zus. 483 1877 265 278 „ - 543 1678 296 „ 301 „ „ 597 1880 294 332 „ „ 626 Die Gesammtzahl der Irren jüd. Consession inu. außerhalb der Privatu. Staatsanstalten betrug am 1. Dez. 1880 zus. 1414 in Preußen allein. Nach einer uns zugegangenen Privatmittheilung betrug die Gesammtzahl der jüd. Geisteskranken im Dez. 1888 etwa 1800 in Preußen, in ganz Deutschland zwischen 33—3500, eine Zahl, die, wenn sie sich auch nur annähernd richtig erweist, geradezu niederschmetternd wäre! Die Gesammtzahl der Juden im deutschen Reiche beträgt circa 570,000 Seelen. Im Jahre 1882 kamen auf je 10,000 Protestanten 24,1, auf ebensoviele Katholiken 23,7, aus die gleiche Zahl Israeliten 38,9 Irrsinnige.