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Der Israelit · 1889-06-03 · Heft 44-45 (3.6.1889) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
30 (1889)
Issue
Heft 44-45 (3.6.1889)
Date
1889-06-03
Page
– (sequence 7)
Language
German
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771 gehalten — und auch jetzt noch — sie konnte es nicht begreifen. — Wenn sie dem Major zuhörte — dem freilich erschien alles in einem andern Lichte — aber daß ihr Vater ihm zustimmen konnte — zu begreifen vermochte sie es nicht — aber Thatsache war es, ihr Vater hatte sie schriftlich und mündlich, durch den Kutscher, auffordern lassen, allen Anordnungen seines hochherzigen Befreiers sich zu fügen. Ihr Vater konnte sie zu nichts Unrechtem auffordern — gewiß nicht. Aber wußte sie denn sicher, daß ihr Vater gewußt hatte, zu was er sie aufforderte? Doch hätte sie an Orloffski's Worten zweifeln können? Freilich bedachte sie nicht, daß Orloffski in ausdrücklichen Worten es nicht gesagt hatte, daß er bei ihrem Vater um ihre Hand angehalten. — Aber wie hätte die kaum Sechzehnjährige ahnen können, daß ein Mann, den sie für den Edelsten der Menschen hielt, sich nicht scheuen werde, das zu thun, was auszusprechen seine Lippen sich weigerten. Und dennoch, — dennoch — wie konnte sie wähnen, daß ihr Vater ihrem Uebertritt zugestimmt hatte? — Und wenn sie auch den wahren Sachverhalt nicht errathen, sie hätte auf einen Jrrthum schließen müssen. Daß sie darauf nicht geschlossen — Es war der böse Engel der Leidenschaft, dem ihr guter Engel trauernd wich. XIV. Es war Abend, draußen heulte der Sturnl und trieb die Schneeflocken, die in dichten Massen fielen, über Wiesen und Felder und schleuderte sie gegen die Fenster des Zimmers, in dem Leah weilte. Es war ein großer, schöner, traulicher Raum, der in seiner Einrichtung vielleicht allzusehr die Junggefellenwirthschast verrieth, dennoch ungemein anheimelte. An den Wänden hingen Hirschgeweihe und ähnliche Jagdtrophäen, wechselnd mit Flinten verschiedenen Kalibers und dazwischen Rauchrequksiten mancherlei Art. In dem überaus großen Kachelofen brannte knisternd ein helles Feuer und warf seinen flackernden Schein auf das gegenüber in dem Schaukelsessel lehnende junge Mädchen, dessen bleiche Wangen hin und wieder mit rosigem Schimmer umspielend. Orloffski saß neben ihr, er sprach zu ihr, ihre Hand in der seinen haltend, und mit einer Art von Andacht lauschte sie seinen Worten. Er hatte viel gelesen und wußte trefflich zu erzählen. Er erzählte von den Marannen, die er als die Edelsten ihres Geschlechts bezeichnet, die in ihrem Herzen echte aufrichtige Juden geblieben waren und dennoch sich zur herrschenden Landeskirche bekannt hatten, die am Morgen in der Kirche die Messe gehört und am Abend in ihrem Keller zu dem Gott ihrer Väter gebetet hatten. Leah schüttelte verwundert das Haupt, von all dem hatte sie nie gehört — aber sie hatte auch nie gehört von den zahllosen Märtyrern, die lieber unter den entsetzlichsten Qualen ihr Leben ausgehaucht, als daß sie auch nur mit dem Munde den Glauben der Väter verläugnet — von denen erzählte Orloffski ihr nicht. Und sie wußte so wenig. Sie hatte zwar die silberne Chanukahlampe ihres Vaters stets blank geputzt, so blank, daß man sich darin spiegeln konnte, und hatte sie eigenhändig mit Olivenöl gefüllt und hatte sich gefreut, an jedem Abend ein Lichtchen mehr aufflammen zu sehen, und wenn dann hin und wieder befreundete Familien aus der Umgegend gekommen waren, dann war dem Chanukah zu Ehren gespielt worden und man war heiter zusammengeblieben bis in die Nacht hinein. Aber von den Makkabäern hatte sie nie gehört. Der Priester Mattisjohu war ihr so fremd wie feine Heldensöhne. Sie hatte sogar gefastet am Zom Gedaljah, aber von der Standhaftigkeit des Gedaljah hatte sie nie gehört. Und am Purimfeste, da hatte sie der Mutter zwar wacker geholfen beim Zubereiten des Purimmahles und die Geschichte der Königin Esther war ihr allerdings nicht vollständig fremd, doch daß Esther nur gezwungen in das Haus des Königs gekommen, davon hatte sie auch nicht die leiseste Ahnung. Sie konnte auch nicht widersprechen, als Orloffski behauptete, daß die Königin Esther höchst wahrscheinlich zum Glauben ihres Gatten übergetreten sei, da sie doch sonst nicht hätte Königin sein können. Kurz Orloffski verstand es vortrefflich, den inneren Mahner, der sich vielleicht doch noch hätte regen können in dem Herzen des jungen Mädchens, einzulullen in festen Schlaf. Während er noch erzählte, trat ein Diener in das Zimmer und flüsterte dem Hausherrn einige Worte zu. Dieser erhob sich und ging hinaus. Träumerisch blickte Leah in die knisternde Gluth und in ihrem Innern widerklangen die Worte, die sie soeben vernommen. War es wahr, konnte man im Innern den Alleinigen bekennen und dennoch die Knie beugen vor den Bildern der Heiligen? Sie wußte es nicht, sie hatte über dergleichen nie gedacht, sie hatte nie davon reden hören. —

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