Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 30 (1889)
- Issue
- Heft 43 (30.5.1889)
- Date
- 1889-05-30
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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759 Noch ein anderes Mittel hat er entdeckt, um die Juden zu beschämen. Es ist den Arabern verboten worden, den Juden Blumen zu verkaufen. Während der Sommerhitze desinficirten die Israeliten ihre Häuser mittelst Rosenessenz. Andererseits ist Orangenblüthenessenz ihr hauptsächliches Getränk im Sommer, wo das frische Wasser knapp ist. Es wird davon im Mellah eine große Menge destillirt. Der Gouverneur fand die Israeliten eines so aromatischen Trankes unwürdig. Diese Tatsachen erscheinen unwesentlich und sind ja auch an sich nicht sehr ernster Natur, befestigen jedoch den Eingeborenen in dem Gedanken, daß die Israeliten keine Rechte besitzen, und daß man sich ihnen gegenüber alles gestatten darf. (Falsche Anschuldigungen.) Wie alle Jahre ist bei Gelegenheit des Osterfestes die Blutanklage wieder aufgetaucht. Man sollte fast meinen, daß das Vorurtheil sich neuerdings verschärft. Vielleicht ist der Umstand auf die Tisza-Eszlar-Angelegenheit zurückzuführen, oder auf die zahlreichen antisemitischen Pamphlete, die in den letzten Jahren so zahlreich erschienen sind. Durch diese feindliche Propaganda hat die Fabel Eingang gefunden in Kreisen, die ihr früher keine Beachtung schenkten. In Kustendil, einer kleinen bulgarischen Stadt, hat eine ähnliche Angelegenheit die israel. Bevölkerung in Aufregung versetzt. Man theilt uns folgendes darüber mit: Am 20. März wurde in Kustendil der jährliche Jahrmarkt abgehalten. Gegen Abend durchlief eine bulgarische Frau, deren 9jähriger Knabe nicht zur gewohnten Zeit nach Hause zurückgekehrt war, die Straßen, indem sie schreiend ihr Kind von den Juden zurückforderte. Die Nachbaren der Frau eilten zur Polizei, um Gewaltmaßregeln zu verlangen. Es wurde für den nächsten Morgen Hilfe zugesagt. Am 21. März meldete der öffentliche Ausrufer in allen Straßen, daß ein christliches Kind verschwunden sei, und daß die Behörden diejenigen ersuchten, die es gesehen, dasselbe der Polizei zuzuführen. Gegen 10 Uhr morgens wurde das Kind in einem bulgarischen Hause in der Gegend aufgefunden, wo der Jahrmarkt abgehalten worden. Wir sind mit der Angst davon gekommen, doch hören die Bulgaren nicht auf, uns, unsere Frauen und Kinder zu bedrohen. Eine ähnliche Anklage fand in Varna statt. Der Schuldirektor schreibt darüber an das Central- Comite. Viele Leute glauben, daß alle Jahre von den Israeliten die Stadt ausgelost wird, die ein christliches Kind hergeben muß, dessen Blut zu dem rituellen Opferfest gebraucht wird. In den letzten Tagen verbreitete sich das Gerücht, daß für dieses Jahr Varna die betreffende Stadt sei. Ein christliches Kind war verschwunden. In der ganzen Stadt war einzig und allein von diesem Verschwinden und der Blutanklage die Rede. Glücklicherweise wurde das Kind in der Nachbarschaft entdeitt. Trotzdem herrschte in den christlichen Stadtvierteln eine gewisse Erregung; mehrere Personen empfehlen ihren Freunden laut, ihre Kinder nicht auf die Straße zu lassen, auch sind ein Händler und eine Frau von der Volksmenge übel zugerichtet worden. Dennoch hat die Sache keinen ernsten Anstrich genommen. Trotzdem glaubte das Local-Comitö, sich an die Präfecten wenden zu müssen. Der PräfeÜ versprach darauf zu sehen, daß die Ruhe nicht gestört würde. Zwei griechischen Notablen (im griechischen Viertel wurden die Leute mißhandelt) erboten sich, sich zum Bischof zn begeben und ihn zu bitten, seinen Pfarrkindern Ruhe anzuempfehlen, was auch geschah. Einige unserer Glaubensgenossen sind besorgt, daß an den Festtagen Unruhen Vorkommen könnten, doch halte ich die Sorge für übertrieben, da jetzt von dem Vorgang nicht mehr die Rede ist. (Elementarschule und Lehrlingswerk.) Constantinopel. Als im Jahre 1883 der größte Theil vom Stadtviertel Haskeuy, dessen Bevölkerung zumeist aus Juden besteht, abbrannte, steuerte S. M. der Sultan durch ein großmüthiges Geschenk der Subscription zu Gunsten der Abgebrannten bei. Ein Rest dieser Subscription war zurückgelegt worden zum Bau eines Schullokals für die armen israel. Kinder jenes Stadtviertels. Zum Andenken an das große Zeichen von Sympathie, welches S. M. bei dieser Gelegenheit der jüdischen Bevölkerung gab, hat das Bezirkscomits der Alliance eine Gedenktafel über die Eingangsthür der Schule anbringen lassen; dieselbe trägt folgende Inschrift in türkischer Sprache: „Die Wohlthaten und die Gerechtigkeit des Sultans Abdul Hamid sind ohne Grenzen. Ein Beispiel hiervon ist die Gründung dieser Schule, für welche die Israeliten ihm Tag und Nacht ihre dankbarsten Gefühle weihen." (Jerusalem.) Der griechische Patriarch Mstr. Nicodemus hat den Direktor gebeten, zwei junge griechische Priester aufzunehmen, die ihre Ausbildung vervollständigen wollen. Die beiden Zöglinge nehmen bereits Theil am Unterricht. (Smyrna.) Viele Nichtjuden zeigen die Achtung, welche die Schule genießt, dadurch, daß sie ihre Söhne bei uns unterbringen; es ist dies auch ein Beweis für den Geist der Bildung, der in unserem Unter-