Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 30 (1889)
- Issue
- Heft 43 (30.5.1889)
- Date
- 1889-05-30
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2446951-2447947-2447989--28589-2476280- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Ehrenmann gewesen sein ganzes Leben hindurch, nie hatte er sich einer unehrenhaften Handlung schuldig gemacht, nie ein Wort über seine Lippen gebracht, das nicht vollständig und in jeder Beziehung der Wahrheit entsprach. Und so glühend er das schöne Mädchen liebte, er hatte nicht daran gedacht, sie durch Trug zu gewinnen. Er hatte sie selbst zu überreden gesucht, daß das, was er von ihr verlangte, etwas so unschuldiges, so über allen Zweifel Harmloses, daß er mit vollster Zuversicht auf die Zustimmung ihres Vaters rechnen zu können glaubte. Es war ihm daher vollständiger Ernst gewesen, als er ihr versprochen, ihren Vater um ihre Hand zu bitten und ihr daun dessen Antwort zu überbringen; erwartete er doch mit vollständiger Gewißheit eine zustimmende. Erst in der Nacht, auf dem Wegezum Gefangenenhaus, waren Zweifel in ihm erwacht, ob denn Löwenstein so rasch in den Uebertritt seiner Tochter willigen werde. Er hegte die größte Achtung vor seinem Schankpächter und wußte, daß auch dieser hohe Achtung für ihn empfand. Daß er ihm mit Freuden die Hand feiner Tochter zufagen werde — er glaubte noch immer nicht daran zweifeln zu sollen. Aber er hatte viel von dem starren Buchstabenglauben der orthodoxen Juden gehört. — Und obgleich er selbst mit Löwenftein über Glaubenssachen nie gesprochen, so wußte er doch, daß derselbe als überaus strenggläubig galt. Wenn derselbe nun auch dem Scheinübertritte seiner Tochter nicht sofort zustimmen würde? — wenn er am Ende gar — wer könnte einen Andern berechnen? — und namentlich einen Juden! — wenn er in Erregung gerathen — in Erregung laut werden würde? — Nicht nur seine eigene Befreiung würde dadurch gefährdet worden sein, sondern auch die Sicherheit seines Befreiers und die des bestochenen Kerkermeisters. Nein, nein, es war unmöglich, er konnte und durfte sein übereiltes Versprechen nicht halten. „Ultra posge nemo tenetur,“ murmelte er in sich hinein, als er die Schwelle des Gefangenenhauses überschritt. Und als der Kerkermeister ihm dann noch Eile und möglichste Geräuschlosigkeit auf die Seele band, da war auch sein letzter Zweifel an der vollständigen Rechtmätzigkeit seines Vorgehens überwunden. Der Diener hatte das Zimmer verlassen; Leah, noch immer mächtig erschüttert, saß zurückgelehnt in ihrer Causeuse, aus den halbgeschlossenen Augen glitten unaufhaltsam Thränen auf Thränen, und doch war der Ausdruck ihres Angesichts kein schmerzlicher mehr wie in den jüngstberfloffenen Wochen; im Gegentheil, hin und wieder umhüllte ein Lächeln inniger Befriedigung ihre feingehaltenen Lippen — es war, wenn sie sich das Glück der Wiedervereinigung ihrer Eltern vergegenwärtigte. Orloffski stand ihr gegenüber, sie mit liebetrunkenen Blicken bettachtend, nie war sie ihm so schön erschienen, und rascher pochten seine Pulse — nie hatte er ein weibliches Wesen geliebt, wie er dieses Mädchen liebte — er, der reife Mann, bereits in der zweiten Hälfte der Dreißiger, dieses junge, kaum sechzehnjährige Mädchen. — Hätte er sie lassen müssen, er hätte das Dasein nimmer ertragen können, das hatte er sich bereits unzähligemal gesagt. Aber warum sie lassen? — Er hatte ihren Vater unter der ausdrücklichen Bedingung befreit, daß sie als Lohn ihm ihre Hand reiche — freilich war sie darauf nur bedingungsweise eingegangen — nur wenn ihr Vater seiner Werbung zustimme, nur dann werde sie ihm ihre Hand 'reichen, doch, wir haben bereits erfahren, es war ihm unmöglich gewesen, ihren Vater um dessen Zustimmung zu bitten. Daß er deßhalb jedoch auf den Lohn verzichten müsse, das kam ihm nicht in den Sinn. Er trat noch näher an sie hinan und neigte sich über die Rücklehne der Causeuse, auf der sie ruhte. „Leah", sprach er innig. Sie hob den thränenumflorten Blick empor und schaute unter Thränen lächelnd zu ihm auf. Plötzlich sprang sie auf, ergriff seine beiden Hände und drückte sie mit einer Art von Inbrunst an ihre Lippen. „Wie kann ich Ihnen danken! wie kann ich Ihnen danken?" „Und das fragen Sie, Leah? — das wiffen Sie nicht? —" Dunkle Gluth überzog ihre Wangen. „Ich weiß, was Sie meinen", stammelte sie, „aber — aber — nur wenn mein Vater einwilligt — haben Sie meinen Vater gefragt? —" Sie blickte in gespannter Erwartung zu ihm auf — er war nicht im Stande, ihrem Blicke zu begegnen. Er griff in die Brusttasche, zog sein Portefeuille hervor und blätterte darin. „Haben Sie vergessen, was Iwan Ihnen im Namen Ihres Vaters gesagt?" „Nein — o nein! — aber ich wußte nicht — daß Sie meinen Vater gefragt —". „Sie wußten — es war meine Absicht. — Uebrigens — ich habe Ihnen hier einige Zellen von Ihrem Vater zu übergeben."