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Der Israelit · 1889-05-20 · Heft 40 (20.5.1889) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
30 (1889)
Issue
Heft 40 (20.5.1889)
Date
1889-05-20
Page
– (sequence 7)
Language
German
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im Herzen bleiben Sie Ihrer Religion treu, unter allen Umständen — nur pro korma. treten Sie zu unserer Kirche über." Sie stieß einen Schrei aus und schnellte empor, mir verglasten Augen ihn anstarrend. „Leah! — Kind! — ich bitte Sie um's Himmelswillen, regen Sie sich nicht dermaßen auf. — Was habe ich denn so Entsetzliches von Ihnen verlangt? — „Taufen! —" murmelte sie in sich erschauernd, „taufen!" „Das Wort erschreckt Sie, doch nicht ich — Sie haben es genannt. Ich verlange nicht von Ihnen, daß Sie das thun, was man unter dem Ausdruck sich taufen lassen versteht — im Gegentheil. Sich taufen lassen, heißt die Lehren des Christenthums bekennen, von denselben durchdrungen sein. Ich aber verlange mit Nichten, daß Sie die Lehren unserer Kirche bekennen. Im Gegentheil, die Lehren jener Religion, in der Sie geboren sind, sollten Ihnen heilig sein und bleiben. Sie sollen Jüdin bleiben in Ihrem Herzen, in all' Ihrem Thun und Handeln. Ich kenne manche Lehren Ihrer Religion und schätze sie hoch. Nur um es mir zu ermöglichen, Ihnen meinen Namen zu geben, Sie offen und vor aller Welt als meine rechtmäßige Gattin anzuerkennen — nur ans diesem Grunde sollen Sie sich der einfachen Ceremonie unterziehen. — Sie selbst bleiben, was Sie sind, können denken und thun, wie Sie bisher gedacht und gethan. — Und wenn Sie Werth darauf legen, verspreche ich Ihnen, daß außer uns Beiden und dem Geistlichen keine menschliche Seele gegenwärtig sein soll. — Und das sollte Ihnen so schwer werden? — Namentlich, wenn Sie bedenken, daß Sie die Freiheit Ihres Vaters dadurch erkaufen?" Sie zitterte noch immer heftig, doch sie rang sichtlich nach Fassung. „Wenn ich wüßte — wie mein Vater darüber denkt —", flüsterte sie endlich. Er zuckte die Achseln. „Wenn es möglich wäre, Ihnen eine Zusammenkunft mit Jhrein Vater zu verschaffen — aber das ist unmöglich —". Sie hatte beide Hände gegen die pochenden Schläfe gepreßt, nahezu verzweifelnd sann sie nach einem Ausweg. „Sie haben doch versprochen, meinen Vater zu befreien —" „Nur wenn Sie einwilligen, meine Gattin zu werden. — Denn ich kann nicht ohne Sie leben, Leah — ich liebe Sie bis zum Wahnsinn — und Sie — sind Sie mir denn nicht ein bischen gut? — würden Sie sich unglücklich fühlen an meiner Seite?" „Nein, o nein", erwiederte das junge Mädchen mit kindlicher Naivität. „Ich schulde Ihnen so vielen Dank — Sie haben so viel für mich gethan — und wenn Sie nun noch meinen Vater befreien würden — wenn Sie Jude wären, würde ich mit Freuden Ihre Gattin werden." „Dank Ihnen für dieses freundliche Wort — und seien Sie überzeugt, Leah, wenn es irgendwie im Bereich der Möglichkeit wäre, um Ihretwillen würde ich freudig zu Ihrer Religion übertreten, die mir durchaus nicht unsympathisch ist. — Aber in Rußland ist der Austritt aus der Staatskirche eine Unmöglichkeit. Darum liebe, theure Leah, müffen Sie sich in das Unabänderliche fügen — es ist doch eine solch unbedeutende Kleinigkeit, wenige Minuten, und die ganze Ceremonie ist vorüber, und Sie brauchen im Leben nicht wieder daran zu denken. — Also ich denke, Sie willigen ein. —" „Wenn mein Vater zustimmt, willige ich in alles", sagte sie leise, aber mit Bestimmtheit. Er zog die Stirn in Falten. „Ich zweifle zwar durchaus nicht an der Zustimmung Ihres Vaters — aber wie wollen Sie ihn um dieselbe ersuchen?" „Befreien Sie ihn — dann werde ich ihn darum ersuchen." Er preßte die Lippen aufeinander, dann erwiederte er: „Sie zwingen mich. Ihnen mehr zu sagen als ich beabsichtigt hatte. Persönlich bin ich zwar von der Schuldlosigkeit Ihres Vaters überzeugt, doch ist es mir unmöglich, dieselbe nachzuweisen; auf legalem Wege bin ich daher nicht im Stande irgend etwas für ihn zu thun — alle Anzeichen sprechen gegen ihn — wird der sogenannten Gerechtigkeit ihren freien Lauf gelassen, so —" Er zögerte einen Moment, angstvoll blickte sie zu ihm empor. „So", wiederholte sie athemlos, indem sie beide Hände gegen die Brust stemmte. „So wird Ihr Vater zur Deportation verurtheilt", sagte er leise. Sie schrie laut auf und barg das Antlitz in die Hände, wie im Fiberfrost schlugen ihre Zähne aneinander. „Leah! Leah! — liebe, liebe Leah! — lasten Sie mich doch ausreden — ich will ja Ihren Vater befreien." Sie zitterte so heftig, daß er fürchtete sie zusammenbrechen zu sehen: er schlang seinen Arm um ihre zarte Gestalt — es war zum ersten Mal. Sie wehrte ihm nicht, aber sie achtete auch nicht darauf, doch der feste Druck schien die irritirten Nerven zu beruhigen, das Zittern ließ nach.

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