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Der Israelit · 1889-05-16 · Heft 39 (16.5.1889) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
30 (1889)
Issue
Heft 39 (16.5.1889)
Date
1889-05-16
Page
– (sequence 3)
Language
German
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687 Kandrverk und schwere Arbeit bei den Israeliten Rumäniens. Vergleichende Studie zu deren Bildungsstand und -Bedürfniß. Von Dr. Elysee X. Corman. *) II. Seitdem der Antisemitismus hoch in die Wogen gekommen ist und allerhand unbegründete Beschuldigungen zu Lasten der Israeliten in die Welt geschleudert hat, scheint es zur Mode geworden zu sein, die Letzteren zum Handwerk anzueifern; und dies ist nun so weit, daß auch Israeliten selbst glauben es thun zu müssen. So hat z. B. Herr Ferd. D. Mocatta in London nach seiner Rückkehr aus dem Orient an israelitische Zeitungen einen Brief erlassen, worin er als ein wirksames Mittel die Lage der Israeliten speziell Rumäniens zu „heben" u. A. die Errichtung von Handwerkerschulen empfahl. So ferner ist es, soweit bekannt, in den Intentionen des Herrn Baron Hirsch seine Stiftungen der Errichtung von Handwerkerschulen zu widmen. Und so ist von vielen anderen Seiten der Ruf nach Handwerk unter den Israeliten laut geworden. Ich will darum untersuchen, ob die Parole des Antisemitismus begründet ist und ob wir Israeliten blindlings uns dem antisemitischen Geist der Zeit anzuschließen, ihm Heeresfolge zu leisten haben durch Wiederholung seines Rufes und Errichtung von Institutionen, die man wenigsten nicht überall nöthig hat. Es mag vielleicht sein, daß im nördlich-westlichen Europa aus den natürlichen Gründen, die ich in der Einleitung kurz berührt und die eine sachgemäß weitere Beleuchtung seitens kompetenter Personen verdienen, die Handwerke unter den Israeliten nicht, oder bei der kurzen Spanne Zeit, seitdem sie ihnen völlig zugänglich sind, noch nicht sehr stark vertreten sind, und daß es dort setzt noch einer besonderen Aneiferung dazu bedarf. Wendet man aber den Blick nach dem Osten Europa's — und das ist zunächst Rußland und Rumänien — so wird man bei einer genaueren Nachforschung sehr bald herausfinden, daß der Beruf der Handwerke u. der schweren Gewerbe infolge der freienEntwickelung,dieihnen inaltenZeiten gegönnt war, unter Israeliten schon seitdem und in solchem Maße vertreten sind, daß wahrlich der Ansporn zur Ausübung von Handwerken überflüssig ist, weil unsere Glaubensgenossen in den Ländern der östlichen Himmelsrichtung, in Europa, sich auch ohne äußere Anregung und Förderung dem Handwerk mit Vorliebe oder aus Lebenszwang zuwenden. Das Drängen hierzu hieße dann nichts Anderes, als das daselbst schon v or- *) Ohne volle Uebers christ ist jede Reproduktion untersag t. h a n d e n e israelitische Handwerker Proletariat durch ein neuhinzutretendes, durch expreffe Schulung herkommendes vermehren?) Speziell Rumänien betreffend, welches ich mich vermesse ganz genau auch in dieser Beziehung zu kennen, ist die Meinung über die wirklichen Bedürfniffe der dasigen Israeliten eine verfehlte und die Wahrnehmung, daß man sich an thatfähiger Stelle gegen die wahren Bedürfniffe verschließt, eine betrübende, wenn man glaubt, daß Handwerkerschulen die mangelnde Glückseligkeit herbeiführen werden, und wenn man dabei beharrt, nur solche und keine andere einzurichten, die viel nöthiger und wirklicher heilbringend wären. Schon zu verschiedenen Malen habe ich Gelegenheit gehabt, darauf hinzuweifen, daß ein sehr großer Theil der rumänischen Israeliten aus Handwerkern besteht, und daß jedenfalls sieben Achtel des rumänischen Handwerks schlechthin durch Israeliten vertreten ist. Es ist darum gar nicht einzusehen, zu welchem Zweck erst noch Schulen hierfür errichtet, demnach Handwerker erst „erzogen" werden sollen — gleichsam als ob sie noch nicht oder in nur geringem Maße vorhanden wären. Unter denjenigen, die seit 1884 ausgewandert sind, befindet sich ein Theil, der diesem Stande angehört und die im Lande befindlichen sind in noch so großer Anzahl vorhanden, daß sie, namentlich bei den engen Verhältnissen, die hier herrschen, ihr Fortkommen nicht finden und nur ein kümmerliches Dasein fristen. Es ist freilich leicht gesagt, daß ein sehr großer Theil der rumänischen Israeliten aus Handwerkern besteht. Wie ich aber nicht gewohnt bin, bloße Behauptungen aufzustellen, habe ich mir es angelegen sein lassen mir im Rahmen des Möglichen und just Röthigen, eine Unterlage in Zahlen für dieselben zu verschaffen, wie ich übrigens im Einzelnen schon bei anderen Veranlassungen vgl. z. B. „Israelit" Nr. 4 l. I., Seite 62 Thatsachen berichtet habe. Eigentliche amtliche Statistiken gibt es nun in Rumänien allerdings nicht. Was man da Statistik nennt, sind, wie ich durch öftere Beispiele gezeigt, nur Zusammenstellungen bei eintretendem Bedürfniß, die aber regelmäßig völlig nichtig und werthlos sind.s) Ueber die einzelnen Stände und Gewerbe 1) Genau so verhält es sich mit denselben Bestrebungen in Bezug ans die Juden des heil. Landes, speciell Jerusalems. Dorthin sind aus Rußland und Rumänien eine Menge Handwerker eingewandert, welchenichtgenügendBeschäftigungfind e n. Die sollen nun ganz brodlos gemacht werden durch die übelangebrachten Bestrebungen dahinzielender Vereine. — Red. 2) Erst kürzlich sagte der Ackerbau- und Domänenminister in der Kammer ganz ungenirt: „Die Zahl der landbedürfenden Bauern Rumäniens beträgt znr Zeit nach den „gemachten Konstatirungen" 205,000. Diese Zahl ist jedoch übertrieben (!), es kann nur die Hälfte Vorhandensein, nämlich 100,000" (!) Vergl. den Bericht über die öffentliche Sitzung vom 2. März c. in der „Jndöp. Roum." Nr. 3432.

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