Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 30 (1889)
- Issue
- Heft 38 (13.5.1889)
- Date
- 1889-05-13
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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675 Der Major trat zurück, die Wärterin, mit der Tasse Bouillon in der Hand, neigte sich zu der Kranken, während sie ihr mit der einen Hand den Kopf ein wenig hob, hielt sie ihr mit der andern die Tasse an die Lippen. Leah, in der träumerischen Art, die sie in den jüngsten Wochen angenommen hatte, ließ willig mit sich machen, was ihre Pflegerin für gut fand. Doch kaum berührte die kräftigende Flüssigkeit ihre Lippen, als sie emporschnellte und bebend mit wcitaufgerissenen Augen das ihr dargereichtc Nahrungsmittel anstarrte. Der Major und Frau Karawelawska blickten erschreckt einander an. „Was ist Ihnen, Kind? was haben Sic? — kommen Sie, trinken Sie einen Schluck Suppe, sie ist gut, frische Hühnersuppe, da wird Ihnen gleich besser werden." Abermals versuchte sie die Tasse den bebenden Lippen der Kranken nahezubringen, doch energisch wandte diese den Kopf zur Seite und stieß mit einer gewissen Heftigkeit die Hand der Wärterin zurück. „Nein!" stammelte sie, „nein! — nein! —" Orloffski preßte die Lippen aufeinander, er hatte bereits den Grund ihrer Weigerung errathen und begriff, daß sie bei vollem Bewußtsein sich nicht so leicht bewegen lassen werde, nicht nach jüdischer Vorschrift bereitete Speisen zu genießen. Obwohl bebend, saß sie noch immer aufrecht und preßte die durchsichtige Hand an die Stirn. Auf einen Wink des Majors legte die Wärterin ihren Arm um die zarte Gestalt des jungen Mädchens und zog es sanft in die Kissen nieder. „Sie sind noch zu schwach, liebes Kind, Sie können das Sitzen noch nicht vertragen. — So — im Liegen wird Ihnen rasch besser werden. — Wollen Sie jetzt Ihre Suppe nehmen oder vielleicht lieber eine Tasse Milch?" „Holen Sie eine Tasse Milch", sagte der Major und bedeutete ihr durch einen Wink die verschmähte Bouillon mit hinaus zu nehmen. Die Wärterin verließ das Zimmer, der Major trat wieder näher zu der Kranken, die die Hand noch immer gegen die Stirn peßte. „Daß mein Vater mich nicht nach O.... hat bringen lassen —", flüsterte sie, „dort sind doch Juden —" „Der Arzt hat es nicht erlaubt, liebes Fräulein", sagte Orloffski in sanft beschwichtigendem Ton, „Ihre Verletzung war zu schwer, der Transport hätte Ihr Leben gefährden können. Und überdies war und ist Ihr Vater überzeugt, daß Sie in meinem Hause nicht minder gut aufgehoben sind als bet Ihren Glaubensgenossen. Mit dem Essen hätten Sie es freilich in D.... besser gehabt als bei mir. Aber für die erste Zeit hatte der Arzt Ihnen jede Fleischspeise verboten, und das Uebrige, sagte Ihr Vater, dürften Sie, da sie doch so schwer krank waren, auch bei uns genießen. — Heute, zum ersten Male, hat der Arzt Ihnen eine Tasse Bouillon erlaubt, Frau Karawelawska weiß es vielleicht nicht oder sie hat nicht daran gedacht, daß dergleichen bei Ihnen nach ganz besonderen Vorschriften bereitet werden muß. Ich aber werde sofort einen Boten nach O.... schicken, in der Handlung des Sanruel Veilchenblüh hat man Fleischextract aus der Fabrik des Dr. Papilski, von dem dürfen Sie essen, das weiß ich mit Bestimmtheit. — Aber vorläufig rrinken Sie die Milch, die Frau Karawalewska da für Sie hereinbringt, einige Stunden kann es immerhin dauern, bevor der Bote den Fleischextract aus O .... bringt. — Nun, Sie haben ja alle diese Zeit hindurch nur von Milchspeisen gelebt, da wird es Ihnen nicht schaden, noch einige Stunden auf Bouillon zu warten." Während er den letzten Satz sprach, blickte er die Wärterin fest und bedeutsam an, diese winkte verständnißvoll mit den Augen, indem sie der Kranken die Milch darreichte. Als der Arzt jedoch gegen Abend kam, fand er das Befinden seiner Patientin weniger befriedigend als am Morgen. Die Erregung hatte das Fieber, das sie noch immer nicht vollständig verlassen hatte, verstärkt. Trotzdem schritt die Besserung von Tag zu Tag vor, schon nach wenigen Wochen durfte sie das Bett verlassen nnb durfte in Kurzem ihrer vollständigen Genesung mit Zuversicht entgegensehen. Die Wunde war geheilt, das Pflaster bereits entfernt. Mit sorgsam gewandter Hand hatte Frau Karawelawska ihre Haare derart geordnet, daß sie leicht über die Narbe fielen und dieselbe vollständig bedeckten. Aber Leah war noch sehr schwach und bleich, trotzdem hatte ihre Schönheit durch ihre schwere Krankheit durchaus nicht gelitten. Dem Major gewährte es ein besonderes Vergnügen, all seine freie Zeit der Genesenden zu widmen; seit sie das Bett mit dem Lehnsessel vertauscht hatte, verbrachte er Stunden an ihrer Seite, suchte sie zu unterhalten und freute sich ihres klaren Urtheils, das sie zwar schüchtern, aber doch, so oft er sie darum anging, an den Tag legte. Ueberglücklich fühlte er sich jedoch, wenn sie zuweilen mit innigen! Dank lächelnd zu ihm emporschaute. Dann ward es ihm warm bis im Innersten seines Herzens, und er mochte der Zeit nicht gedenken, da sie, vollständig genesen, sein Haus würde verlassen. Immer hätte es so bleiben sollen, immer hätte er