Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 30 (1889)
- Issue
- Heft 37 (9.5.1889)
- Date
- 1889-05-09
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
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666 verdächtigt zu werden. (Rufe rechts: Das ist eine j Gemeinheit! Pfui! Schande! Lärm.) j Bürgermeister Uhl (bleibt in dem herrschenden Lärm schwer verständlich): Ich kann nur antworten, daß mir allerdings mitgetheilt wurde, daß die auswärtigen Kaufleute . . . (Better ruft: Juden! Lärm und lange Unterbrechung) erklärt haben, daß sie nicht nach Wien kommen. (Vetter: Juden! Pfui-Rufe; Rufe: Schämen Sie sich!) Vetter: Es sind ja doch Juden! Bürgermeister Uhl (fortfahrend): Ich kann nur bestätigen, daß sie nicht nach Wien kommen wollen. (Sensation.) S t i a ß n y: Es scheint dem Herrn Bürgermeister entgangen zu sein, daß hier Worte gefallen sind, die man in "anständiger Gesellschaft, und in solcher habe ich mich immer bewegt, niemals gehört hat. Es ist von Personen, gleichgiltig, ob sie im Gemeinderathe sitzen oder sich n:it Gemeinde-Angelegenheiten befassen, als von „Gelichter" gesprochen worden. In anständiger Gesellschaft kann ein solches Wort nicht gebraucht werden und darf auch hier nicht ungerügt bleiben. Ich ersuche daher den Herrn Bürgermeister, diesen Ausdruck zurückzuweisen und den Redner zur Ordnung zu rufen. (Lebhafter Beifall rechts. Vetter: Na! Na!) Vetter: Ich bitte ums Wort. Ich habe ja nicht von Ihnen, sondern von der Judenpresse gesprochen. (Unterbrechung und Zurufe: Aber in unanständigen Worten! Lärm.) Frauenberger: Ich niuß es auf das lebhafteste bedauern (Spottgelächter auf den Antisemitenbänken; Vetter klatscht in die Hände) ... ich muß es sehr bedauern, daß es anstandlos gestattet scheint, hier in diesem Saale eine so bübische Sprache führen zu dürfen, ohne daß der Bürgermeister Einsprache erhebt. (Lärm auf den Antisemitenbänken.) Ich muß es aufs lebhafteste bedauern, daß es schon so weit gekommen ist, daß hier im Saale in so gemeiner Weise gesprochen wird. Es ist kein Wunder, wenn sich dann die Leute abhalten lassen (Rufe: Juden!), nach Wien zu kommen. Wer soll denn hierherkommen, um sich hier besudeln zu lassen? Und das thun Sie, die Antisemiten! Die Bevölkerung wird es Ihnen zu danken haben, Ihnen, den Antisemiten, daß Niemand nach Wien kommen wird. (Widerspruch links.) Ich glaube, es wird einmal die Zeit kommen, daß Sie dafür die Bevölkerung steinigen wird (Gelächter und höhnisches Applaudiren auf den Antisemitenbänken): denn Sie sind es, die Wien am empfindlichsten schädigen. (Beifall rechts, Widerspruch und Lärm links. Rufe: Schon gut!) Bürgermeister Uhl will die Debatte schließen. Vetter: Ich bitte ums Wort zur Berichtigung. Bürgermeister Uhl: Was wollen denn Sie berichtigen? (Heiterkeit.) Vetter: Ich weise die scharfen Ausdrücke des (höhnisch) hochgeehrten Vorredners und Collegen zurück, der in meinen Ausdrücken etwas Bübisches und Gemeines gefunden hat. Ich bedaure, daß die Herren nichts Anderes zu thun haben, als unsere Partei zu beschimpfen! (Heiterkeit) Unterbrechung. Rufe: Das ist doch keine Berichtigung!) Bürgermeister Uhl (in großer Aufregung sich von seinem Sitze erhebend): Aber jetzt entziehe ich Ihnen das Wort. Sie sind derjenige, der immer in gemeinster und rohester Weise die Anderen angreift! (Lärm links, stürmischer Beifall rechts.) Wien, 3. Mai. Im Gemeinderathe stellte heute das Mitglied desselben, Malzenauer, Namens der Fortschrittspartei den Antrag, der Bürgermeister möge die erforderlichen Schritte unternehmen, damit der Saatenmarkt wieder in Wien abgehalten werde. Der Antisemit Vetter erging sich darauf in Schmähungen gegen die Juden und die jüdischen Blätter, welche nach ihm durch ihre Denunciationen das Zustandekommen des Saatenmarktes gefährdeten. Es folgten dieser Rede aufregende Scenen, während welcher die bübische und gemeine Sprache der Antisemiten von mehreren Rednern gebührend zurückgewiesen wurde, so daß auch schließlich der Bürgermeister erklärte, daß die Antisemiten alle Parteien in der rohesten Weise angreifen. Pefth. Seit vielen Jahren ist der Samstag der Audienztag des Kultus- und Unterrichtsministers. Wer an einen solchen Tage im Vorsaale der Ministerappartements weilte, weiß es, daß derselbe in der Regel mit jüdischen Petenten — zumeist aus der Provinz — dicht gefüllt ist. Nun ist es bekannt, daß orthodoxe Juden am Samstag nicht fahren, und da das Unterrichtsministerium sich in der Festung befindet, bildete namentlich für ältere Leute, die mit einer Audienz verbundene Mühsal ein wahres Martyrium. Wiederholte Bitten, Trefort zu einer Aenderung des Audienztages zu bewegen, führten zu keinem Resultate. Eine ähnliche Bitte wurde, wie man uns mittheilt, dem Minister EsLky unterbreitet und dieser verlegte umgehends seinen Audienztag vom Samstag auf Donnerstag. Die orthodoxe Landeskanzlei hat aus diesem Anlässe dem Unterrichtsminister vorgestern im Wege einer Deputation eine Dankadresse überreicht.