Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 30 (1889)
- Issue
- Heft 36 (6.5.1889)
- Date
- 1889-05-06
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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-r-' 642 Das russische, in Proportion zu seinem ungeheuren Ländercomplexe, spärlich bevölkerte Reich, sperrt vor dem Westen Europas seine Thore. Allein dieses Verfahren, kann der Moskowiter nicht gegen alle Fremden in Anwendung bringen, und so ist diese Maßregel beinahe ausschließlich gegen die Ausländer jüdischer Confession gerichtet. Mit diesen hat man ein leichtes Spiel, denn zu ihrem Schutze wird keine Regierung eine diplomatische Note abschicken und sollten infolge der Landesverweisungen Tausende von Existenzen zu Grunde gehen. Paschol, ist das Losungswort, fort über die Grenze; wer nicht das Glück hat der Unterthan des Beherrschers aller Reußen zu sein und sich dazu zur mosaischen Religion bekennt, der muß seinen Wanderstab ergreifen und das Territorium des „weisen Väterchens" verlassen. Da hilft kein Bitten, vergebens ist jedes Flehen, das Bündel muß geschnürt werden und in langen Zügen mit den elenden Trümmern ihres Vermögens, manchmal sogar von Kosaken escortirt, müssen die Exilirten die Stätte ihres langjährigen Wirkens, ihre zweite Heimath verlassen und einer unsicher» Zukunft entgegen gehen. Nur unter einer Bedingung wird den ausländischen Juden der Aufenthalt im Czarenreiche gestattet, wenn sie den Glauben ihrer Väter abschwören. Aber, wenn der stolze und grausame Spanier es nicht vermochte, die Glaubensstärke unserer Vorfahren zu brechen, wenn die Scheiterhaufen der Inquisition die spanische Judenschaft nicht zum Falle brachten, wie sollte dies der plumpe Russe zu Stande bringen! Die spanischen Israeliten sagten den lachenden Fluren Spaniens Valet, ließen ihr Hab und Gut im Stiche und suchten sich ein neues Heim auf. Die religiöse Ueberzeugung ging ihnen auf ihren Irrfahrten, wie eine Feuersäule voraus und ließ sie eine neue Heimath ausfindig machen. Sie gründeten frische, aufblühende Colonien, während ihr undankbares Mutterland immer mehr dem Verfalle entgegen ging, bis die Revolution die Dynastie und den Geist der Unduldsamkeit hinwegfegte. — Und nun werden unsere Glaubensgenossen gezwungen, das russische Gebiet zu meiden und hunderte, ja tausende Familien, von ihrem häuslichen Herde mit roher Gewalt vertrieben, lenken ihre müden Schritte nach ihrer alten Heimath, nach Oesterreich und Deutschland, wo ihnen eine traurige Zukunft, wie ein finsterer Abgrund entgegenstarrt. Eine düstere, verzweiflungsvolle Stimmung bemächtigte sich des unfreiwilligen Emigranten, über jedem schwebt das Damoklesschwert und wer noch keinen Ausweisungsbefehl erhielt, der ist darauf gefaßt, stündlich die Paschol-Ordre zugestellt zu bekommen. — Im polnischen Manchester, in der Fabrikstadt Lodz, deren Bevölkerung sich nicht zum geringen Theile aus Ausländern rekrutirt, herrschte eine gedrückte Athmosphäre. Täglich verringerte sich die jüdische Colonie, denn ihre Mitglieder mußten die Stadt räumen. Wohl wurden die Lücken mit Ankömmlingen aus dem Innern des Reiches ausgefüllt, ob sie aber den Abgang qualitativ ersetzten, ist mehr als fraglich. Der fremde Fabriksbesitzer und die Beamten der diversen industriellen Etablissements, welche von der drakonischen Verordnung noch nicht getroffen waren, machten sich keine Illusionen, wußten sie doch, daß sie der russ. Fremdenproscription auf die Dauer nicht entgehen werden. Des Abends Schatten senkten sich über die gewerbreiche Stadt, das betäubende Geräusch der Maschinen begann zu verstummen, die Dampfmotore machten Feierabend und den himmelragenden Fabrikseffen entstieg nur ein schwacher Rauch. In langen Schaaren verließen die Arbeiter ihre Werkstätten, um am trauten Herde, im Kreise der ihrigen vom schweren Tagewerke auszuruhen und neue Kräfte zu sammeln. — Der Oberbuchhalter und Procurist der Bauderoff'schen Spinnerei, Herr Josef Neublum, verließ gebeugten Hauptes sein Bureau und trat schwankenden Schrittes seinen Heimweg an. Sein Blick war verstört, das Gesicht blaß, nervös zuckend und sein ganzes Ich die Beute einer furchtbaren Aufregung. Das traurige Loos hatte auch ihn erreicht, denn vor einer Stunde wurde ihm das Verbannungsdekret eingehändigt. Wohl war er schon längst darauf vorbereitet, aber insolange er die unselige Verweisungsordre nicht schwarz auf weiß hatte, gab er sich einem Schimmer von Hoffnung hin. Nun das Unabwendbare eingetroffen, knickte seine Gestalt unter diesem Schicksalsschlage zusammen und sein verzweifelter Blick richtete sich gen Himmel, von oben Rettung erflehend. Am Firmamente begannen die Sterne zu flimmern, die Mondsichel kam zum Vorscheine, in den Aesten der Bäume zwitscherten die Vögel ihr Abendgebet und der proscribirte Oberbuchhalter setzte langsam seinen Heimweg fort. Auf welche Weise den Seinigen die Hiobspost mittheilen, wohin jetzt die Schritte lenken und was beginnen? Er fuhr sich mit der Handfläche über die Stirne,