Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 30 (1889)
- Issue
- Heft 36 (6.5.1889)
- Date
- 1889-05-06
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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WWWMWMWWWW 639 wieder hinüber zu dem schönen bleichen Kinde, das dort auf dem Bette ruhte und träumerisch in's Weite schaute. Zwar antwortete sie bereits aus Fragen nach ihrem Befinden, aber vollkommen bei Bewußtsein war sie noch nicht. Das Bett der Kranken stand dem Fenster gegenüber, vor dem ein Apfelbaum seine laubbedeckten Zweige ausbreitete. Aber der Herbst war bereits gekommen, die Blätter hatten ihr frisches Grün verloren und wenn ein stärkerer Luftzug durch die Aeste fuhr, dann fielen sie bald einzeln, bald in größerer Anzahl langsam schwebend hin zur Erde. Le ah hatte das Antlitz dem Fenster zugewandt; mit der rechten Hand stützte sie die Schläfe, während ihr Blick hinüberschweifte in den Garten. „Seltsam", flüsterte sie, „seltsam — wie rasch die Blätter welk geworden sind." „Was sagen Sie, liebes Kind?" fragte Frau Karawelawska, die mit dem Sttickstrumpf in der Hand, dem Bette gegenüber saß. Leah blickte zu ihr empor, antwortete jedoch nicht sogleich, Frau Karawelawska wiederholte ihre Frage. Die Kranke fuhr sich mit der Hand über die Stirn. „Ich habe mich nur gewundert, daß die Blätter schon so gelb geworden sind und von den Bäumen fallen." Die Wärterin zuckte die Achseln, während sie ihre Stricknadeln munter klappern ließ. „Das ist der Herbst, Kind", erwiederte sie lächelnd. „Wenn der Mensch alt wird, werden ihm die Haare erst grau und dann weiß und fallen ihm häufig aus und wenn der Baum alt wird, werden die Blätter erst gelb und dann braun und dann fallen sie alle 'runter. Aber der Baum wird wieder jung, Sie werden's schon sehen, im nächsten Frühling, will es Gott, während dessen der Mensch —" Doch sie besann sich, das war keine Unterhaltung für eine Kranke, wenngleich sich dieselbe bereits auf dem Wege der Genesung befand. „Wollen Sie einen Schluck Himbeersaft? — oder Limonade?" „Dank!" flüsterte Leah, indem sie leise den Kops schüttelte, während ihr Auge noch immer zu den fallenden Blättern hinübersah. „Herbst", murmelte sie, „Sie sagen, es wäre Herbst — und ich dachte, wir wären noch im Sommer —". „Strengen Sie Ihr liebes Köpfchen nicht mit Denken an", sagte Frau Karawelawska, liebkosend die bleichen Wangen des jungen Mädchens streichelnd. Dieses schien jedoch den freundlichen Rath nicht befolgen zu wollen, abermals fuhr sie mit der Hand über die Stirn und streifte dabei das Pflaster, das die noch nicht vollständig geheilte WmE deckte. „Nicht, Kind, nicht", sagte die Pflegerin, indem sie die Hand von der Stirn sanft herniederzog. „Das Pflaster dürfen Sie nicht anrühren, das müssen Sie in Ruhe lassen." „Pflaster?" wiederholte Leah verwundert, „weßhalb habe ich denn da ein Pflaster?" Frau Karawelawska zog die Stirn in Falten. „Sie sollten nicht so viel fragen, liebes Kind, ich weiß nicht, ob es dem Herrn Doctor recht ist, daß Sie so viel sprechen." Aber Leah's Denkvermögen erwachte mehr und mehr, ihre Wärterin mochte den Kopf schütteln, so viel sie wollte, sie ließ sich das Fragen nicht verbieten, und wollte die gute Frau sie nicht erzürnen, so mußte sie antworten. „Ich bin demnach lange krank gewesen?" „Sieben bis acht Wochen dürften's schon sein." „So lange schon? — Aber wo bin ich denn? — dies ist nicht mein Zimmer — und wo sind meine Eltern?" Mit fliegendem Athem und weit aufgerissenen Augen hatte sie diese Worte hervorgestoßen. „Nun, nun, nun, regen Sie sich nur nicht gar so auf", suchte die Wärterin sie zu beschwichtigen, „kennen Sie denn die Karawelawska nicht? die Ihnen als Sie noch so'n ganz kleines Ding waren, immer die schönen rothwangigen Aepfel gegeben hat und die großen Wallnüffe?" „Aber wo bin ich? — wo ist mein Vater? — meine Mutter? —" stammelte Leah, mit wild rollenden Augen um sich blickend. Frau Karawelawska erzitterte das Herz, wie sie später dem Major versicherte, und wo sie im Augenblick alle die Lügen hergenommen, das, betheuerte sie, selbst nicht zu wissen. „Liebes, gutes Kind, ich bitte Sie um's Himmelswillen! ich will Ihnen ja alles sagen, machen Sie nur nicht gar so schreckliche Augen." Sie nahm die zuckenden Hände der Kranken sanft aber fest in die ihren und setzte sich zu ihr auf das Bett. „Alsdann, liebes Kind — was wollen Sie zuerst wissen? — wo Sie sind? — Aber ich bitte Sie, das können Sie sich doch denken — Sie wissen doch, mein Mann ist Verwalter bei dem Herrn Major, und Sie sind in dem Landhaus des Herrn Major." Leah blickte betroffen zu ihr hinauf. „Wo find meine Eltern?" wiederholte sie noch dringender, „mein Vater? — meine Mutter? —"