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Der Israelit · 1889-04-29 · Heft 34 (29.4.1889) · page 11

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Journal
Der Israelit
Volume
30 (1889)
Issue
Heft 34 (29.4.1889)
Date
1889-04-29
Page
– (sequence 11)
Language
German
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603 aus der Feder deS Malers selbst dte Beschreibung der Ceremonie, ein Zeugniß seiner scharfen Beobachtungsgabe. Die den Text begleitende Darstellung eines jüdischen Musikers ist ein Facsimile der charakteristischen kühnen Federzeichnung des Künstlers. (Die Höfe, Gewölbe und andere Interieurs jüdischer Häuser in Marokko, die eigenthümliche Schönheit der Frauen und ihre uns sonderbar vorkommende Tracht brachte der „Tour du Monde“ in vorzüglichen Blättern mit jenen unvergleichlich getreuen Hilfsmitteln der modernen Technik in den letzten Jahren zur Anschauung.) Im Jahre 1856 besuchte der französische Maler Bida das heilige Land, und als Frucht dieser Reise brachte der Künstler außer,der Anregung zu seiner berühmten Illustration der Evangiles und dem (vor wenigen Jahren erschienenen) Buch Ruth, dem sich weitere Publikationen anschlossen, eine Fülle von Studienblättern mit, aus denen die ergreifende Darstellung der trauernden Juden an der Mauer des Salomonstempels in Jerusalem hervorgegangen ist. Der in ansehnlichen Dimensionen vorzüglich hergestellte Stich nach dem Gemälde ist als Zimmerschmuck in manchem kunstliebendem Hause eingeführt, und es mag uns daher verziehen werden, wenn wir aus dem Tagebuch des Künstlers die bezüglichen Einträge in Uebersetzung wiedergeben. „11. Juli. Man zeigt mir längs einer großen Mauer, die den Wall der Tempelumsassung stützt, die betenden Juden. Denn es ist heute Freitag, und zur Stunde hat der Sabbat begonnen. Ein rührendes Bild die armen Leute, die über den Trümmern des Salomontempels klagen und dessen letzte Steine küssen. Lange ftudire ich die Stellungen, die sie zum Gebet und in ihrem Schmerz einnehmen; denn ich gedenke etwas daraus zu machen. Diese große kahle Mauer, gegen die sich der trostlose Schmerz und das Gebet dieser unglücklichen Juden kehren, hat in diesem Augenblick etwas überraschend Feierliches. „14. Juli. Fünf Köpfe von Juden gezeichnet. Am Nachmittag streife ich außerhalb der Stadt umher. Ich besuche die Salomonsmauer wieder, wo die Juden weinen. Auch mir reden diese Steine. „18. Juli. Gezeichnet. Am Abend sehe ich wieder nach deu armen Juden am Fuße ihrer Mauer...." Ausdrücklich betonen müssen wir an dieser Stelle dte Treue, womit der Künstler auch dem Landschaftlichen und Architektonischen in seinen Darstellungen gerecht wird und die zu der edelen Auffassung feiner Figuren auf's Wohlthuendste stimmt. Anders Gustav Dor6, bei dem die Handfertigkeit und die Phantasie, mit einem Wort der Effekt ' für Vieles Ersatz bieten muß, dem es an Ernst, Tiefe und der rechten Weihe fehlt, womit indessen nicht gesagt sein soll, daß seine Leistung nicht in ihrer Art vorzüglich sei. Wir erinnern unS noch sehr gut des Erstaunens, das durch die Welt ging, als es hieß, der Zeichner der Atala, der Divina Commedia, des Don Quixoe habe eine Bibel- Illustration fertig; es war wohl 1865, zur selben Zeit, wo einzelne der Bida'schen Cartons in Reproduction erschienen. Wie mit Zauberschlag nahm aber das Dorö'sche Werk seinen Fortgang, dessen erstaunlich kecke Originalzeichnungen die Hand eigenS geschulter Holzschneider auf's Wirkungsvollste wiederzugeben eine unermüdliche Thätigkeit entfaltete. Diese Darstellungen mit ihrem wmwerbaren Spiel der Lichteffekte, mit den lebhaft bewegten Gruppen und den imposanten Palastarchitekturen mögen wohl den Beschauer fesseln in jenen Stunden, wo feiertägliche Ruhe uns zu süßen Träumen einlädt und ein fernes Land ewiger Sehnsucht ahnen läßt. In der neuesten Zeit, wo die Kunst unter Führung des Holländers Alma Tadema nicht allein Architektur und Hausrath der Vergangenheit zu reconstruiren versteht, sondern selbst dem menschlichen Antlitz, auf das Studium der alten Denkmäler gestützt, eine archäologische Treue des Ausdrucks mitzutheilen scheint, haben namentlich sranzösische Künstler — Henri Motte, Rochegrosse — auch biblische Gegenstände in ihren Bereich gezogen, wobei übrigens das archäologische Dätail manchmal in seiner Aufdringlichkeit störend wirkt. Im eigenthümlichen Gegensatz zu den mehr das äußerliche Spiegelbild enthaltenden Blättern Bernard Picarts und doch wieder ihre gleichsam notwendige Ergänzung darstellend, sind die beziehungsreichen, von ethischen Momenten durchdrungenen Bilder aus dem altjüdischen Familienleben von Prof. M. Oppenheim, ein Werk, dessen Beliebtheit und Verbreitung uns jeglicher Mühe der Besprechung eigentlich enthebt, auf welches aber immer und wieder zurückzukommen eine uns anziehende Aufgabe ist. Im holländischen Werk des vorigen Jahrhunderts die objecttv treue Wiedergabe der äußeren Vorgänge, kaum hie und da ein Hineingreifen der individuellen Anschauungsweise des Künstlers, hier poesiedurchdrungene Compositionen, in denen ein gewissermaßen musikalischer Wohllaut jedes Herz ergreift und worin wieder ein findiger Kommentator seinen Scharfsinn zu üben eine kaum zu erschöpfende Aufgabe findet. Mit seiner Absicht versetzt uns der Künstler in die Verhältnisse des deutschen Judenthums zu Ende des vorigen bis Anfang dieses Jahrhunderts, sozusagen

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