Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1889-04-15 · Heft 30-31 (15.4.1889) · page 22

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
30 (1889)
Issue
Heft 30-31 (15.4.1889)
Date
1889-04-15
Page
– (sequence 22)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2446951-2447947-2447978--28387-2476067
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

566 lauter"aber das Kichern rings um ihn her wurde, desto mehr Fassung gewann er und sein Auge erhebend und dem Major frei ins Antlitz blickend, erwiderte er: Herr Major, ich bin israelitischer Religionslehrer und darf von diesen Würsten nicht essen. Alles war gespannt, wie der Major die Antwort aufnehmen werde, als sich an dem anderen Ende des Tisches ein schlanker Bursche erhob und zu Lämml gewendet, rief: Wenn ich, der Sohn des Schächters von Sadagora essen kann, so darfst Du's gewiß auch thun. David Lämmle maß den vorlauten Burschen mit verachtendem Blick vom Scheitel bis zur Zehe und sagte zum Major: Verzeihen Herr Major, ich weiß die Ehre zu schätzen, die Sie mir erweisen, doch Gottes Gebot muß für einen Belfer noch höher stehen, als der Befehl des Kommandanten. Dem Major gefiel diese Charakterfestigkeit und er behielt fortan den Mann im Auge. Der gute David Lämml bedurfte aber auch ganz besonderer Nachsicht. Er war das beste Herz, aber der ungeschickteste Patron von der Welt. Wenn er Morgens ganz propre und nett ausmarschirte, wenn die fast neue Blouse, die der Feldwebel ihm auf einen Wink des Majors ausgesucht hatte, in der Früh noch so rein war, bis Mittag war alle Herrlichkeit zum Teufel und der Mann, der als schmucker Soldat ausgegangen war, kehrte als schmieriger Kerl heim. Wie sich in König Midas Hand Alles zu Gold verwandelte, so wurde in David Lämml's Händen Alles schmutzig. Gab man ihm ein neues funkelndes Gewehr in die Hand, io könnt'- man sicher sein, daß er es rostig zurückbring.» - , »>•*.nn auch das schönste und trockenste Wcuer herrschte. Dabei konnte man ihm nicht gram sein, denn hätte man von ihm gefordert, er sollte einen Knopf aus dem Feuer holen, er hätte sich keinen Augenblick bedacht und mit Gefährdung seines Lebens den Befehl vollzogen. Trotzdem mußte man ihm manchmal einige Stunden „Dunkel" zuurtheilen, damit er sich daran gewöhne, ärarisches Gut schonender zu behandeln. Als nun die Zeit der Osterbrode kam, baten die meisten Glaubensgenossen David Lämml's um Urlaub, nur er wagte es, wegen einiger in der Konduitenliste eingetragener Strafen, nicht zu thun, Und doch pochte ihm das Herz rascher und fast hörbar, wenn er an seine greisen Eltern dachte, die ihn sicherlich erwarteten, wenn das holde Gesicht seiner Braut, die sich nach ihm härmte, vor seiner Phantasie auftauchte. So stand er denn trüb und kopfhängerisch im Kasernenhof, als der Major auf ihn zutrat. Erschrocken fuhr Lämml aus seinen Träumen auf. Als ihn nun der Major fragte, warum denn gerade er nicht um Urlaub eingekommen sei, erwiderte er verlegen, er habe sich nicht getraut, da er gar viele Fehler begangen, die keine Belohnung, und als solche müsse er einen Osterurlaub betrachten, zu fordern berechtigen. Der Major beruhigte ihn voll Freundlichkeit und sagte ihm: — Also morgen Früh können sie auf Urlaub gehen! — Morgen Früh, erwiederte Lämml, habe ich nichts mehr davon. — Warum nicht? Sie können ja acht Tage fortbleiben! — Aber morgen Früh darf ich nicht mehr gehen; denn wie der Abend einbricht, ist mir jede größere Wanderung verboten. — So packen Sie doch gleich ihre Siebensachen zusammen und schauen Sie, daß Sie fortkommen. Mit thränenfeuchten Blicken dankte Lämml, dann sagte er: — Die Uniform, Herr Major, werde ich schonen, ich lasse sie hier. Nach wenigen Minuten erschien er im langen, schimmernden Taffetkaftan, eine viereckige pelzverbrämte Mütze auf dem Kopfe, einen mächtigen Knotenstock in der Hand und wie er sein Bündel unter dem Arme tragend, fürbaß einherschritt, glich er eher einem der aus Egypten fortziehenden Erzväter, denn einem k. k. Infanteristen. Längst war David Lämmel von seinem Urlaub zurückgekehrt, längst hatte er wieder gegen ein halbes Dutzend Blousen schmierig und ebenso viele Gewehre rostig gemacht, als sich im Schoße der Kompagnie ein Ereigniß abspielte, das unserem Helden einmal wieder Gelegenheit gab, seine Ehrenhaftigkeit glänzend zu bewähren. Zwischen einem der Unteroffiziere und jenem Schächtersohn von Sadagora war es zu einem unliebsamen Auftritte gekommen, worauf der Letztere den Korporal beschuldigte, er sei gegen die reichen Rekruten weit nachsichtiger, weil sie ihm manches Douceur zukommen ließen. Beim Rapport berief sich der junge Bursche unter Anderem auch auf Lämml als Zeugen, da er sicher glaubte, dieser werde ihn nicht im Stiche lassen. Als Lämml vorgerufen wurde, sagte der Major zu ihm: — Sie sind Religionslehrer, Sie müssen die Wahrheit sagen, sprechen Sie frei und aufrichtig, ohne jede Rücksicht auf die Personen.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.