Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 30 (1889)
- Issue
- Heft 27 (4.4.1889)
- Date
- 1889-04-04
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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495 „Vater!" schrie sie. „Vater!" „Mein Kind!" rief er, die Arme nach ihr ausbreitend, „tröste Deine Mutter! Vertraue auf Gott!" Sie achtete seiner Worte nicht und suchte sich durch die Soldaten zu ihm zu drängen. „Vater!" schrie sie unablässig, „Vater! Vater!" Aber man hatte ihn bereits in den Wagen gestoßen, in den sich auch die Soldaten schwangen und dann ging es fort mit wildem Hallo. Leah rannte neben dem Wagen einher, mehrere Minuten gelang es ihr, mit den Pferden Schritt zu halten. Vergebens beschwor der Vater sie, sie möge heimkehren zu ihrer Mutter — das verzweifelnde Kind achtete seiner Bitten nicht. Der Schmerz hatte sie dem Wahnsinne nahe gebracht, sie wähnte, sie könne durch ihr Bitten und Flehen die rohen Schergen erweichen, daß sie den Vater ihr zurückgeben. „Zurück, Judendirne!" schrie der Anführer, als es ihr eben gelungen war, die Leiter des Wagens zu erfassen. Mit dem Kolben stieß er aus ihre zarten Finger, sie schrie laut auf vor Schmerz, aber sie umklammerte sie nur um so fester. Auch dem Vater überströmten die Augen, als er sein Kind mißhandeln sah. „Leah, mein Kind!" flehte er, „geh' heim zur Mutter — ich lasse sie grüßen — bald komme ich zu Euch — sie müssen mich ja freigeben, denn ich bin unschuldig!" Das Hohngelächter der Soldaten übertönte sein Flehen. „Vater!" schluchzte sie, „Vater! ich will zu Dir!" Das unglückliche Kind wähnte, ihn schützen zu können, aber für die Dauer ward ihr Jammergeschrei den Rohen lästig. Mehrere hatten es bereits versucht, ihre Finger zurückzuschieben, denn sie erschwerte das rasche Weilerkommen, da der Rosselenker in einer Art von menschlichem Gefühl die Pferde stramm in den Zügeln hielt, um das Kind, das sich an dem Wagen hielt, nicht zu schleifen. „Schlag der Dirne den Schädel ein!" War das Drohung? war es Befehl? Einer der Soldaten betrachtete es als Befehl, den buchstäblich zu befolgen er sich verpflichtet hielt. Hoch erhob er sein Gewehr, und mit wuchtigem Schlage fiel der Kolben auf Leah's Haupt. Mit gellendem Aufschrei ließ sie den Wagen los und stürzte blutüberströmt auf die Landstraße. Ungehindert rollte nun der Wagen im Gallop davon, das Klagegeschrei des Unglücklichen, den er entführte, erfüllte die Luft. Frau Löwenstein wußte noch nicht, daß man ihren Gatten fortgeschleppt und daß auch Leah das Haus verlassen hatte; eine wohlthätige Ohnmacht beraubte sie des Bewußtseins ihres Elends. Schon seit Monaten trug sie den Keim einer ernsten Krankheit mit sich herum, hatte gegen Indispositionen mancherlei Art zu kämpfen, die Schrecken des heutigen Abends hatten die Krankheit vollends zum Ausbruch gebracht. Mit geschlossenen Augen lag sie da, glühend in Fieberhitze. Ihre treuen Mädchen, die jüdische Magd und das nichtjüdische Schankmädchen hatten sie entkleidet und zu Bette gebracht und wetteiferten nun mit einander, der geliebten Herrin Erleichterung zu verschaffen, obgleich es auch für sie eine Art Erleichterung war, daß die Kranke dem Anscheine nach bewußtlos dalag. In dem Hause, in dem bis vor kurzem wüster Lärm geherrscht hatte, herrschte jetzt nahezu Grabesstille, lautlos schlichen die Dienstboten, der Hausknecht, die Köchin und das Schankmädchen durch die verödeten Räume, während die Hausfrau, unzusammenhängende Worte murmelnd, in Fiebergualen auf dem Bette lag. „Wo ist denn das Fräulein?" fragte flüsternd der Hausknecht. Die Mädchen sahen sich um, keine wußte es. „Das arme Kind!" schluchzte die Köchin, „sie wird in ihrer Kammer liegen und weinen." Den beiden andern leuchtete diese Vermuthung ein und da keiner wußte, wie sie das unglückliche Kind hätten trösten können, beschlossen sie, sie ungestört zu lassen. „Vielleicht weint sie sich in den Schlaf", meinte das Schankmädchen. Langsam schlich die Nacht dahin. Die treuen Mädchen wachten an dem Lager der Kranken, bemühten sich, ihre glühende Stirn durch feuchte Tücher zu kühlen und ihre verschmachtende Lippen hin und! wieder durch einen erfrischenden Trunk zu befeuchten. Hin und wieder mußten sie auch mit vereinten Kräften die sonst so sanfte, schwache Frau zurückhalten, daß sie sich nicht aus dem Bette stürzte. Reichliche Thränen vergossen die angsterfüllten Mädchen, und anl Morgen, als die Aufregung der Kranken noch immer nicht Nachlassen wollte, da übernahm es die Köchin, den Hausknecht in die Stadt zu beordern, auf daß er den Arzt herbeihole. Doch wo war inzlvischen die Tochter des Hauses, wo war Leah? Wiederholt hatten die Mädchen an der Thür ihres Zimmers gelauscht, aber es war drinnen alles still. „Sie hat vermuthlich in der Nacht wenig geschlafen, darum ist's gut, wenn sie jetzt länger ruht."