Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 30 (1889)
- Issue
- Heft 26 (1.4.1889)
- Date
- 1889-04-01
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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479 „An Wochentagen niöcht ich mir's noch gefallen lassen, da haben wir wenigstens Nutzen davon, doch am Sabbat. —" „Muß ich froh sein, daß ich die Leute in erlaubter Weise befriedigen kann", siel Löwenstein ein. „Hermann hat sich zwar auch immer am Sabbat über den Lärm beklagt, doch das läßt sich nicht ändern." „Hermann", wiederholte Leah, die Purpurlippen kräuselnd, „der hat doch in alles seine Nase hineinstecken müssen." Der Vater blickte verwundert zu ihr hinüber. „Ich habe heute Brief von ihm erhalten, er läßt Dich vielmals grüßen." „Danke sehr", erwiederte sie kurz, und abermals zuckte es wie spöttelnd um ihre Mundwinkel. „Und Du erkundigst Dich gar nicht, wie es ihm geht? ob er seine Neise glücklich zurückgelegt hat?" „Ach, warum sollte er denn sie nicht glücklich zurückgelegt haben? solche Leute. —" „Leah und Hermann sind nicht besonders gut miteinander ausgekommen", erklärte lächelnd die Mutter, „sie haben sich fleißig gezankt." „Was sich liebt, das neckt sich", versetzte gleichfalls lächelnd der Vater. „Das mag sein", sagte Leah in seltsam gereiztem Ton, „aber nicht alle, die sich necken, lieben sich. Zwischen Hermann und mir kann wenigstens von Neigung nicht die Rede sein; er wird froh fein, daß er wieder bei den vielwissenden Mädchen in Deutschland ist und ich bin froh, daß er mich hier nicht mehr quält." „Hat er Dich denn in Wirklichkeit so häufig gequält?" „Sehr häufig, fast tätlich." „Das hätte ich nicht von ihm gedacht. Aber was hat er denn von Dir wollen?" Leah preßte die Lippen aufeinander, sie schien nicht recht mit der Sprache heraus zu wollen, die Mutter aber berichtete, was sie ihr vor einigen Tagen mitgetheilt. Löwenftein athmete tief auf. „Ganz Unrecht kann ich Hermann in jeder Beziehung nicht geben. Es ist zwar nicht übermäßig gcscheidt von ihm, daß er Dir gegenüber den Hofmeister hat spielen wollen. — Aber recht hat er doch." „Der Abscheuliche!" „Er ist nicht abscheulich, Kind, wie Du glaubst. Dadurch, daß wir hier so ganz allein unter Nichtjuden wohnen und Du verhältnißmäßig selten unter Glaubensgenossen gekommen bist, bist Du in mancher Beziehung sehr unwissend geblieben. Ich hätte Dich unterrichten sollen, er hat recht, und von morgen an werden wir in Wirklichkeit mit dem Unterricht beginnen." Leah zog abermals die glatte Stirn in Falten. „Das hat mir der Hermann eingebrockt." „Du dürftest ihm dankbar dafür sein." Das junge Mädchen zuckte die Achseln. „Was ist denn draußen," rief sie plötzlich aufspringend und eilte zum Fenster. „Ein Wagen mit Soldaten hält vor dem Hause." „Da wird die Maschka, ihre Schwester rufen müssen", sagte Frau Löwenstein. „Geh zurück vom Fenster, Kind, ich habe nicht gern, daß die Soldaten Dich sehen — wenn sie dann trinken ...." Leah gehorchte, sie ließ sich wieder auf ihrem Sitz am Tische uieder. Der Lärm draußen nahm jedoch in ungewöhnlichem Maße zu, selbst Löwenstein schüttelte mißbilligend den Kopf. Da ward plötzlich die Zimmerthür aufgeftoßen und auf der Schwelle erschien eine Anzahl Bewaffneter. Der Hausherr hatte sich rasch erhoben und war ihnen entgegengetreten. „Wollen Sie doch dort drüben in das Zimmer gehen, drüben ist der Ausschank." Derjenige, der der Anführer der Bewaffneten schien, nickte ihm lachend zu. „Werden auch hinübergehen ins Schankzimmer, aber zuvor wollen wir uns hier 'n bissel umschauen." Löwenstein war empört über diese Frechheit; doch bezwang er sich. „Ich dächte. Sie hätten sich jetzt genügend hier umgesehen", sagte er ruhig, „wollen Sie jetzt hinüber gehen." „Gemach', gemach', guter Freund", lachte der Andere, „mit dem Umschauen allein ist uns nicht gedient, wir müssen suchen." „Was haben Sie hier zu suchen?" schrie der Hausherr ärgerlich. „Das werden Sie selber so gut wissen wie wir", entgegnete der Anführer mit schroffem Ernst. „Kasten aufgesperrt!" herrschte er die zitternde Hausfrau an. Löwenstein sah ein, daß er es nicht, wie er geglaubt, mit Trunkenen zu thun hatte, sondern, daß er in Wirklichkeit Organe der öffentlichen Sicherheit vor sich sah. Was sie in seinem Hause suchen wollen, vermochte er zwar nicht zu errathen; aber er fand es am gerathensten, bereitwillig ihren Befehlen zu entsprechen. Er nahm die Schlüssel aus den Händen seiner nahezu fassungslosen Frau und öffnete eigenhändig sämmtliche Schränke und Truhen. Der Anführer