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Der Israelit · 1889-03-28 · Heft 25 (28.3.1889) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
30 (1889)
Issue
Heft 25 (28.3.1889)
Date
1889-03-28
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Feuilleton. Schuld und Sühne. Erzählung von Friedrich Rott. (Fortsetzung.) VI. Die Hitze hatte seit einigen Tagen mehr und mehr überhand genommen, die Schwüle war nahezu erdrückend, die Athmosphäre schien mit Electricität geladen. Schon in den Mittagsstunden hatten dunkle Wolken den Horizont überzogen und hingen drohend über den Feldern. Besorgt blickten die Landwirthe, unruhig blickten die Feldarbeiter empor, doch sie konnten ihr Tagewerk ungestört vollenden, denn das Unwetter begann erst nach Eintritt der Nacht sich zu entladen. Ein orcanartiger Sturm hatte sich erhoben und brauste verheerend über Feld und Flur, selbst am Waldesrand knickte er schwächere Bäume. Löwenstein's Wohnhaus stand von drei Seiten frei; nur an der rechten Seite lehnte es sich an den Wald, von dem ein hoher Eichbaum wie schützend seine Aeste über einen Theil des Daches breitete. Bevor der Hausherr mit seiner Familie sich zur Ruhe begaben, hatte er vorsorglich eigenhändig sämmtliche Läden und Thüren untersucht, auf daß die tobenden Elemente sie nicht schädigen. Schon mehrere Stunden wüthete der Sturm, doch erst gegen Mitternacht kam das eigentliche Gewitter zum Ausbruch; hellleuchtende Blitze durchzuckten am Horizont die Finsterniß, während der Donner in mächtigem, langanhaltenden Rollen die Erde in ihren Grundvesten zu erschüttern schien. Auf der Landstraße, die von der Stadt O .... an der Besitzung des Majors Orloffski's vorüberführte, rollte ein leichter Leiterwagen nicht übermäßig rasch dahin; in dem herniederströmenden Regen schien es den Pferden nicht möglich, sich gegen den Wind rascher fortzubewegen. Der Rosselenker, sowie sein neben ihm sitzender Gefährte hatten sich in Decken gehüllt, um sich gegen die Unbilden des Wetters zu schützen; dennoch durchschauerte es sie oft, und manchmal hätte man halblaut gemurmelte Flüche vernehmen können. „Ist das ein Wetter!" murmelte derjenige, der die Pferde am Zügel hielt, „ist das ein Wetter! keinen Hund jagt man vor die Thür, und wir —" „Thust Du's umsonst?" eiferte der neben ihm Sitzende, „denk' an unseren Pact, fünfzig Rubel kriegst Du gleich auf der Stelle, sowie Du's hineingeworfen hast, und fünfzig Rubel kriegst Du, wenn 455 | wir zurückkommen in die Stadt, und wenn Du reinen Mund hälft, kriegst Du nach einem Jahr abermals fünfzig Rubel — sag' selber, kann man leichter 'n besseres Geschäft machen?" Aber der Andere schüttelte sich abermals vor Unbehagen und fluchte abermals auf das in Wirklichkeit miserable Wetter. „Unverstand, der Du bist", schalt sein Kamerad, „dieses Wetter ist Gold werth, ist wie gemacht für uns. Aber schau! da sind wir ja schon. Halt' die Pferde an." „Wissen's denn genau, wo wir sind?" „Ob ich's weiß? ewadde. War das doch eine Helligkeit von dem Blitz, daß nian dabei hält S'lichos können sagen. Halt' die Pferd an, sage ich!" Der Wagen hielt auf der freien Straße und die Männer stiegen ab. Der Eine war von hohem, kräftigen Wuchs, der Andere klein und buckelig. „Jetzt heißt's stat sein", flüsterte der Kleine, „was Du zu thun hast, weißt Du, kein Wort wird geredet." Der Andere nickte zustimmend, hob nicht ohne Anstrengung einen schweren, von Wachsleinewand umhüllten Ballen vom Wagen und nahm ihn auf den Rücken, während der Buckelige, mit einer Gewandtheit, die man ihm kaum zugetraut hätte, die Zügel an den nahen Meilenzeiger befestigte. Dann schritten beide längs des hier beginnenden Waldes dahin, auf das Löwenstein'sche Wirthshaus zu. Als sie das Haus erreicht hatten, wandten sie sich seitwärts; der Buckelige schien mit der Oertlichkeit genau vertraut, er hatte des Andern Rockzipfel gefaßt und leitete ihn mit fester Hand. Bei dem Eichbaum angelangt, der seine Zweige wie schützend über das Dach des Wohnhauses breitete, machten sie Halt. Der Große hob vorsichtig mit Hilfe des Gefährten den Ballen vom Rücken und ließ ihn herniedergleiten, bis zum Fuße des Baumes. Dann schlang er das eine Ende eines festen, langen Strickes um den Ballen, während er das andere Ende sich selbst um den rechten Arm wand und kletterte nun mit katzenartiger Behendigkeit den Stamm hinan bis zu dem Ast, der über Löwenstein's Dach sich neigte. Wiederum erhellte ein greller Blitz den Platz ringsum. Deutlich hatte der Buckelige unten den Kameraden auf dem Dache erkannt, wie er das zweite Strickende um einen noch höheren Ast geschlungen hatte und nun mit kräftiger Hand den unten befestigten Ballen zu sich herauf auf das Dach hob. Der Donner rollte in lautem, furchtbaren Krachen, als hätte er in sämmtliche Bäume des

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